16. November 2018

Tunesien: hohe Berge und tiefe Schluchten

10 Tozeur. Die Wetterprognose will, dass wir heute in die Berge fahren. Auf der Teerstrasse brummen wir nordwärts aus der Stadt hinaus. Kaum Landschaft, nur staubiges Buschland und die weiss glitzernde Salzebene des Chott el-Gharsa. Ab und zu eine Kamelherde, sonst gib es da nicht viel zu sehen.

Nach einer Stunde Fahrt, erreichen wir 16 Kilometer östlich von Chebika die Berge. Von hier führt eine alte und kaum bekannte Passstrasse (n34.3538, e8.0951) hinüber nach Redeyef. Kurvige und steil geht es über fünfhundert Meter hoch hinauf. Erdrutsche und Steinschläge haben der Strasse zugesetzt. Aber sie lässt sich dennoch gut befahren. Ausser zwei Mofas treffen wir auf keinen Verkehr.

Redeyef ist eine belanglose Bergarbeiterstadt mit einer starken Tendenz zur Hässlichkeit. Hier in der Gegend wird Phosphat abgebaut, deswegen sieht es hier aus wie im Werkhof eines riesigen Baugeschäftes. Wir trinken ein Tee und schauen noch gschwind am Bahnhof vorbei. Keine Züge da - also weiter.

Jetzt geht’s quer durchs Bergland nach Midés. Das alte Midés (n34.4067, e7.9205) wurde vor fünfzig Jahren verlassen; heute sind nur noch Ruinen übrig. Doch diese stehen in einer spektakulären Landschaft, denn rund um das Ruinendorf windet sich eine tiefe Schlucht.
Heute ist es gar nicht mal so heiss, aber die Sonne ist gleissend hell und blendet uns. Im nicht weit entfernten Tamerza schauen wir uns den Wasserfall (n34.3819, e7.9331) und die kleine Schlucht an. Hier im Schatten der Felsen ist es schön kühl und das Dämmerlicht tut uns gut.

Im Dorfzentrum betreiben einige Frauen das "Restaurant Jilaine". Hier essen wir Harissa mit Olivenöl, Salate Mechouia und Brik aux l’euf. Es schmeckt wunderbar - und wie früher.
Als ich bezahlen will, habe ich zu wenig Dinar dabei. Peinlich. Die Frauen sagen, das sei kein Problem und begnügen sich mit meinem Restgeld. Uns ist das sehr unangenehm. Geldwechseln könnte die Post, doch weil es Wochenende ist, ist die zu.
Also fahren wir mit einem schlechten Gewissen weiter. Dann sieht Frau G. einen Geldautomaten – und wir können mit unserer Bankkarte Geld ziehen. Und doch noch unsere Schulden begleichen.

Beim grossen Wasserfall (n34.3762, e7.9119) am Ortsrand machen wir einen Fotohalt. Und hier treffe ich zufällig einen Mann, den ich von früher her kenne! Grosses Hallo, Umarmungen und Händchenhalten. Wir fahren zu ihm nachhause, trinken Tee, essen Datteln und plaudern mit seiner Frau und seiner Tochter.
Beladen mit allerlei Geschenken machen wir uns am späten Nachmittag auf den Rückweg nach Tozeur. Es ist windig und wolkig. Und es war ein schöner, heisser Ausflug.

15. November 2018

Tunesien: heilige Männer und ein toter Bus

9 Douz. Es ist ein wunderbar milder Morgen und wir fahren zeitig los. Hinaus in die karge Wüstenlandschaft und vorbei an immergrünen Palmen-Wäldern. Die nächste grössere Ortschaft ist Kebili. Wir fahren direkt zum verlassenen Alt-Kebili (n33.6868, e8.9683) mitten in der Palmerie. Die ganze Siedlung ist verfallen, einzig einige schneeweisse Marabout sind noch erhalten.

Etwas später fahren wir erneut von der Hauptstrasse weg und schauen uns in Fatnassa (n33.8009, e8.7546) noch gschwind die bizarren Felsen an. Dann verlassen wir das Festland und fahren hinaus auf den Chott el Jerid – den grossen Salzsee. Heutzutage natürlich auf einer breiten Asphaltstrasse, früher war das eine schmale und gefährliche Schlammpiste.
Die Landschaft ist – ööhm – übersichtlich. Oben blau, unten salzig weiss. Und etwa in der Mitte des Salzsees steht das berühmte WC-Häuschen mit den „normalen“ und „comfort“ Scheisslöchern.

Ganz in der Nähe fahren wie von der Dammstrasse hinunter auf den trockenen See hinaus und besuchen das Bus-Wrack (n33.9429, e8.4191) weit draussen auf der Salzfläche. Der Bus rostet schon solange ich weiss hier vor sich hin.
Freunde französischer Reisebusse erkenne ihn natürlich sofort: Es ist ein Berliet Cruisair 3 aus den ganz frühen 1970-er Jahren.

Am Mittag erreichen wir das andere Ufer des Chott el Jerid. Wieder festen Boden unter den Reifen fahren wir gleich zu den schon von weitem sichtbaren Marabout „Sidi Ben Abbes“ und „Sidi Bouhlel“ hinauf. Schneeweiss hocken sie in den schroffen Hügeln. Wir stampfen zum höhergelegenen Marabout Sidi Bouhlel (n34.0351, e8.2806) hinauf. Die Aussicht ist grandios, die Gluthitze auch. Im Hintergrund sieht man den Salzsee.

Später erreichen wir unser Ziel Tozeur. Das Städtchen ist inzwischen zu einer richtigen Stadt gewachsen. Aber seinen Reiz hat es trotzdem behalten.
Wir schlendern durchs Zentrum und kommen ganz zufällig an meiner damaligen Lieblings-Konditorei vorbei. Wegen der Nostalgie verspeisen wir eine Creme-Schnitte mit grasgrünem Zuckerguss. So wie früher!
Heute wohnen wir im Hotel Loued etwas weiter weg vom Zentrum. Das Hotel hat einen schönen Innenhof mit einem Pool unter Palmen. Frau G. gefällt das sehr.

14. November 2018

Tunesien: alternative Tankstellen

8 Immer wieder sehen wir am Strassenrand improvisierte Tankstellen, die Diesel aus farbigen Plastikkanistern feilbieten. Ich frage einen der Händler, wie sein Geschäft denn eigentlich funktioniere: Ja, der Diesel komme aus Libyen. Nein, die Grenze sei wegen des Krieges komplett dicht. Aber mancherorts sei sie aber auch ein bisschen offen...
Ich frage ihn dann, ob seine Tankstellen denn legal sei? Nein, natürlich nicht, doch sie würde geduldet. Viele Leute würden bei ihm tanken. Der Dieselpreis sei zwar ungefähr der gleiche wie an den normalen Tankstelle. Aber sein „Import“-Diesel sei viiiel besser. Damit könne man mindestens doppelt so weit fahren wie mit dem üblichen Tankstellen-Diesel!

Erstaunlich! Denn in den Kriegswirren ist die libysche Ölproduktion stark zurückgegangen. In manchen Jahren musste das ehemalige Öl-Land Libyen sogar Treibstoff aus Tunesien und Algerien importieren.
Früher war der Diesel in Libyen spottbillig. Billiger als Wasser; bloss wenige Cent pro Liter. Aber das war vor dem Krieg. Jetzt, so vermute ich, ist der Preis doch ganz bestimmt höher. Aber anscheinend lohnt sich der Schmuggel - öööhm - Import/Export immer noch...

13. November 2018

Tunesien: Sandmeer, Dattelwald und Salzsee

7 Douz. Heute machen wir eine kleine Rundfahrt durch die Dörfer im Westen von Douz. Kilometerweit fahren wir durch die Palmgärten. Und in diesen Tagen hat die diesjährige Dattelernte begonnen. Die Männer klettern in die Wipfel, schneiden die Dattelrispen ab lassen sie an einem Seil herunter. Manche Palmen sind deutlich über zehn Meter hoch und so eine Rispe wiegt gerne ein Dutzend Kilo. Ganz ungefährlich ist das nicht.

Am Boden schneiden die Frauen die Dattelzweige zurecht, so dass sie in die Kisten und Kartonschachteln passen. Wir setzen uns dazu und sie laden uns zum Tee ein.


Die Dörfer sind allesamt sonnengedörrt und karg. Viele unfertige Bauten und auch viel Müll – so wie leider an vielen Orten in Tunesien.
Hinter Zaafrane und El Faouar verlassen wir die Teerstrasse und fahren auf den Salzsee hinaus. Jetzt im Herbst ist der salzige Boden bretthart und platt. Schon bald erreichen wir wunderschöne Lehm-Klippen (n33.4791, e8.6443), die ich von früher her kenne. Rund um uns herum ist lauter Landschaft. Keine Menschen, keine Geräusche, nix.

Zurück in Douz möchte ich gerne den Sonnenuntergang geniessen. Deshalb brummen wir zu den Sanddünen im Südosten. Unterwegs fragen wir jemanden, wie denn die Piste so sei? Er meint, mit unserem Auto sei die nicht zu schaffen.
Wir fahren trotzdem los; mal schauen, wie weit wir kommen? Aber schon nach etwa sechs Kilometern ist tatsächlich Schluss. Hier ist die Piste recht sandig und schwer zu befahren (n33.38189, e9.0622). Zudem ist es bereits spät am Nachmittag und die Kupplung rutscht. Vernünftigerweise drehen wir deshalb hier um und fahren nachhause. Aber schön war es trotzdem.


Am Abend locken uns Trommeln und Flöten zurück auf den Marktplatz. Buntgeschmückte Kamele, eifrige Politiker und ein Kamerateam sind da. Die Ansprachen sind feurig - das Pommes-Frites-Sandwich auch.

12. November 2018

Tunesien: grosser Markttag in Douz

6 Douz. Heute ist hier Wochenmarkt. Auf dem viereckigen Marktplatz mitten in der Stadt werden Kleider und Haushaltswaren feilgehalten, auf der Hauptstrasse Obst und Gemüse und gleich südlich davon allerlei Nutztiere; Schafe, Ziegen, Esel, Kaninchen und Federvieh.



Ein bunter Trubel. Viele Händler und Kunden kommen aus den Dörfern rund um Douz. Die älteren tragen stolz ihre stammestypische Kleidung. Was mir aber auch auffällt ist, dass die meisten Frauen ein Kopftuch tragen; vor zwanzig Jahren war das noch eine Seltenheit!



Wir geniessen die tolle Stimmung und schlendern durch die Marktgassen. Überall stehen die Männer beisammen trinken Tee und plaudern. Wir auch.

9. November 2018

Tunesien: Sahara wir kommen...

5 Ksar Ghilane. Schon kurz nach Sonnenaufgang dümpeln wir wie die Flusspferde im warmen Wasser des Oasen-Teiches. Wir sind ganz alleine hier und über der Wasserfläche bilden sich kleine Nebelschwaden. Wunderbar – und ein wenig wie Niedertemperaturgaren.

Ich will unbedingt die alten Festung Ksar Ghilane besuchen. Das einstige römische Kastell Tisavar bildete vor fast 2'000 Jahren den südlichsten Stützpunkt des Limes, des römischen Verteidigungswalls gegen die Barbaren. Die Ruine (n33.0086, e9.6162) liegt auf dem einzigen Hügel weit und breit; und mitten in den Sanddünen.
Wir geniessen die schier endlosen Sanddünen rund herum. Jetzt im Morgenlicht sind sie richtig schön goldigorange.

Zufuss ist es mir zu weit da hinaus, deswegen mieten wir uns zwei Quad. An sich sind das lächerliche Gefährte, doch damit reiten wir fast mühelos über die Sanddünen. Früher, mit unseren Sahara-Fahrzeugen war das jeweils eine ganz schöne Plackerei. Denn unterwegs liegen lauter kleine, weiche und heimtückische Dünen im Weg herum.
Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges gab es hier sogar Kämpfe. Früher lag beim Ksar sogar noch eine rostige Panzerkanone herum - doch jetzt ist sie weg. Aber im Dorf erinnert noch ein Denkmal an die Truppen des französischen Generals Leclerc de Hauteclocque.

Am Nachmittag verlassen wir Ksar Ghilane und fahren nach Norden. Die einstige Pipelinepiste ist zwar längst asphaltiert, doch der Belag ist über grosse Strecken weg und wir fahren auf einer staubigen Kiespiste. Wir rollen mit 90 km/h gemütlich dahin. Unterwegs machen wir im legendären Café Bir Soltane (n33.2937, e9.7337) eine Teepause. Zu meinen Sahara-Zeiten war das ein ganz wichtiger Etappenort und jeder Wüstenfahrer klebte hier seine Visitenkarte an die Wände. Jetzt ist es hier nur noch schäbig und schläfrig.

Gegen Abend haben wir die 150 Kilometer Wüstenfahrt hinter uns und erreichen Douz. Morgen ist hier der grosse Wochenmarkt; und da wollen wir natürlich unbedingt dabei sein. Auf dem Marktplatz haben bereits die ersten Händler ihre Stände aufgebaut. Meterhoch türmen sich die Waren: Kleider, Waschmittel, Werkzeug...

Heute wohnen wir mitten im „Hotel 20 Mars“ mitten im Stadtzentrum. Das Hotel ist herrlich altmodisch und spottbillig. Im Innenhof blüht der Hibiskus und bald sind hier auch die Mandarinen reif. Wir bekommen ein rustikales Zimmer auf der Dachterrasse. Von hier oben sehen wir auf den Markplatz hinüber. Hinter den Palmen geht die Sonne unter. So schööön.

8. November 2018

Tunesien: mein Navi ist tot

4. Ksar Ghilane. Gestern ist unser Navi ganz plötzlich ausgegangen. Das Display wurde brandschwarz - und blieb es auch trotz meiner Wiederbelebungsmassnahmen.
An sich wäre das nicht soo schlimm, aber ausgerechnet jetzt, wo wir auf der Piste nach Ksar Ghilane fahren wollen. Und die altmodische Papier-Landkarte ist da auch keine Hilfe, da hier die meisten Pisten falsch oder gar nicht eingezeichnet sind.

Zum Glück war ich früher so oft in dieser Gegend unterwegs, dass ich mich immer noch an viele Pisten und Abzweigungen erinnern kann.

In Ksar Ghilane versuche ich herauszufinden, ob mein Navi wirklich kaputt ist oder ob es vielleicht bloss keinen Strom bekommt? Ein Franzose leiht mir dazu sein Datenkabel.
«Ich bring’s dir in einer Stunde zurück». Er meint nur «lass dir Zeit, ich fahr nicht weg, mein Land Rover hat einen Getriebeschaden!» Im Vergleich dazu habe ich ja richtig Glück...
Wie es ausschaut liegts nicht am Kabel oder Stecker; sondern am Navi selber. Blöd - ich versuche jetzt mal, ob ichs reparieren kann? Kaputter kanns ja nicht mehr werden...

7. November 2018

Tunesien: ins schreckliche Paradies

3 Tataouine. Einkaufen, tanken und dann geht’s auch schon los in die Wüste. Wir fahren nach Chenini (n32.9120, e10.2636). Wie ein Sahnehäubchen thront die Moschee zuoberst auf dem Bergrücken. Und von da oben geniessen wir einen einzigartigen Rundblick über das karge Bergland rund herum.

Die Leute wohnten einst nicht nur auf dem Berg, sondern auch ihm drinnen. In einer solchen Höhle sind heute noch die Resten einer Olivenöl-Mühle mit Kamel-Antrieb zu sehen. Und ganz in der Nähe gab es einst auch eine unterirdische Bäckerei. Heute ist Berg-Chenini aber nahezu unbewohnt, die Leute sind ins Tal umgesiedelt worden.

Von Chenini fahren wir durch ein schönes Flusstal – natürlich eines mit ohne Wasser – nach Westen. Das erste Strassenstück ist asphaltiert, später geht’s dann fünfzehn Kilometer weit auf einer recht gute Piste weiter. Frau G. fährt und so kommen wir zügig voran.
Nach etwa 60 Kilometer erreichen wir südlich von Ksar Ghilane die legendäre Pipeline-Piste. Die führt viele Hundert Kilometer parallel zu den Ölpipelines bis ganz in den Südzipfel Tunesiens hinunter.
Wir fahren aber zuerst etwas nach Norden und denn links hinüber nach Ksar Ghilane (n32.9885, e9.6399). Einst war das eine verträumte Oase am Rand des Sandmeeres. Eine Oase mit einer warmen Quelle zwischen den Palmen. Ein Geheimtipp sozusagen. Später kamen dann immer mehr Touristen hierher und sie bauten einen Zeltplatz und zwei, drei Cafés hin.

Heute ist der Teich von unförmigen Cafés und Souvenirbuden zugebaut. Eine grässliche Kakophonie aus halbfertigen Neubauten und Bauruinen. Natürlich habe ich schon gewusst, dass es nicht mehr ist wie früher, aber so übel hab ich es mir dann doch nicht vorgestellt.
Mit Wehmut denke ich an die unzähligen wundervollen Tage und Nächte, die ich früher hier verbracht habe. Aber die guten alten Zeiten sind hier definitiv vorbei! Schade drum…

In Ksar Ghilane parken wir unseren feuerroten Kleinwagen mitten in eine Gruppe Expeditions-Geländewagen. Ich geniesse die abschätzige Blicke der Abenteurer. Jetzt wo unser Hausfrauen-Auto ihre Fotos ziert, können sie zuhause wohl nur mehr schlecht von ihren verwegenen Fahrt in die Sahara prahlen...
Nachdem am Abend die meisten Ausflügler weggefahren sind, ist Ksar Ghilane wieder ein wenig wie früher. Verträumt und romantisch. Wir sitzen gemütlich am Teich und schauen zu, wie er Mond über den Nachthimmel saust. Dann läuft etwas mit kalten Pfoten läuft über meine Füsse – eine Spitzmaus. So ein herziges Tierli…

Heute wohnen wir in der „Residence La Source“ zwischen dem Teich und den Sanddünen. Hier ist es ruhig und der Patron ist ein sehr netter Kerl.