29. September 2012

Ukraine: in der Ruhe liegt die Kraft

Uschgorod liegt fast direkt an der slowakischen Grenze. Bevor wir heute losfahren, schlendern wir nochmal durch die Stadt; wir brauchen noch Kaffee und ich etwas Internet.

Die Morgensonne leuchtet lieblich und die Werktätigen eilen kreuz und quer. Es ist urgemütlich hier. Schade, dass wir schon wieder weiter müssen.
Unser restliches ukrainisches Geld investieren wir in Diesel. Der kostet hier bloss 0,95 Euro pro Liter.

Die Ausreise aus der Ukraine geht eigentlich zügig. Wir werden freundlich und sehr gründlich kontrolliert. Wir müssen sogar auf die Grube fahren, damit man uns auch von unten gaaanz genau in Augenschein nehmen kann. Auf einem der Formulare ist nichts ausser einem verschmierten Taubenschiss. Dann ist gut und wir dürfen hinüber in die Slowakei fahren.

Hier langweilt sich schon eine lange Autoschlange. Nach geraumer Zeit werden wir (Ausländer? oder Schweizer?) an der Kolonne vorbei gewinkt und stehen nun direkt am Schlagbaum. Und warten. Irgendwann dürfen wir zum Glashäuschen vorfahren. Und warten. Dann kommt eine nette Beamtin und kontrolliert unsere Papiere und inspiziert das Auto und verschwindet dann wieder im Glashäuschen. Und warten. Irgendwann kommt sie hinaus, gibt unsere Dokumente zurück und wir dürfen weiterfahren.

Die ganze Prozedur hat etwa eineinhalb Stunden gedauert. Alle waren aber sehr nett und äusserst korrekt. Also kein Problem. Nun sind wir in der EU.

28. September 2012

Ukraine: was ist Kwas, und wozu?

Auf unserem Burghügel küsst uns die Morgensonne wach. Wir fahren noch ein wenig weiter nach Norden bis Rohatyn, Рогатин (n49.4097, e24.6094). Ab hier geht es nun nach Westen; heimwärts.

Die Landschaft ist wildromantisch. Felder, Wälder und Seen. Der See auf dem Foto sieht ja sehr schön aus, gerochen hat er aber, als ob er stinke.

Ein gigantisches Kohleraftwerk arbeitet tüchtig an der positiven CO2-Bilanz. Es verwandelt Kohle in braune Wolken.

In der Ukraine sind viele Strassen rissig, wellig und löchrig; die übrigen kaputt.

Der Fachmann im Krankorb macht das rosa Haus schön. Er sprüht trübgelbe Farbe über alles, was da ist. Fassade, Balkone, Lampe, Hausnummer, Strasse – und über sich selber. Was der Maler wohl von Beruf ist?

Von der gelben Farbe angestachelt trinken wir ein Kwas, das Lieblingsgetränk der Einheimischen. Und meines auch. Sieht aus wie Bier, schmeckt aber wie – öööhm – gut.

Gegen Abend kommen wir nach Ужгopoд (Uschgorod). Die Stadt ist erstaunlich gross und es hat viel Verkehr. Wir fahren mitten ins Zentrum und dann einmal quer durch die Altstadt hinauf zur Burg. Genau vor der Medizinischen Fakultät finden wir unseren Übernachtungsplatz. Ganz ruhig, zwischen den Kastanien.

Vor die Sonne untergeht reicht es grad noch für einen Spaziergang. Am Fluss zieht sich eine wunderbare Allee entlang, wo die jungen Frauen flanieren und die Hunde gaggeln.
Zur Feier gehen wir heute auswärts essen. Es gibt Pizza mit unrühmlichem Belag. Und natürlich Kwas.

27. September 2012

Ukraine: grüne Scheisse

Heute war es wieder soweit: Unser WC muss geleert und Trinkwasser aufgefüllt werden. Beides sind eher lästige Pflichten, die aber kaum umgangen werden können.

Mit dem Trinkwasser ist das hier im Osten kein Problem. Es gibt überall öffentliche Wasserbrunnen. Da können wir unsere Kanister problemlos mit kristallklarem Wasser füllen. Wer in seinem Reisemobil aber einem festeingebauten Wassertank hat ist hier blöder dran, denn die Brunnen haben keinen Schlauchanschluss.

Mit dem WC-Inhalt entsorgen ist das hingegen immer so eine Sache. Die nächste Entsorgungsstation ist laut Navi gut 900km weit weg! Das ist mir dann doch etwas zu weit, also wohin mit der Gülle?
Am einfachsten geht die Entsorgung in gewöhnliche Toiletten; am Bahnhof oder auf der Autobahnraststätte. Wenn keine solche da ist, benutzen wir am liebsten eine Kehrichtdeponie. Hier schütten wir unsere Klo-Brühe auf einen der stinkenden Müllhaufen.

Die Einheimischen werden sich bestimmt wundern, wenn sie unseren Plörre sehen, und denken: Buaaa - diese Westler - scheissen grüne Riesenfladen - wie der Teufel!
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26. September 2012

Ukraine: am Gesicht lutschen und Käsetiere

Die Karpatenhügel liegen hinter uns und es wird zusehends flacher. Die Landschaft ist weit und manchmal schier endlos.

Schon bald liegt Iвaнo-Фpaнкiвcьк, Ivano-Frankivsk vor uns. Es ist die erste richtige Stadt für uns in der Ukraine. Eine Viertel Million Leute wohnen da und wir haben nicht einmal einen Stadtplan. Also fahren wir einfach den anderen Autos hinterher und finden so problemlos das Stadtzentrum. Und sogar einen Parkplatz.

Um den zentralen Hauptplatz herum hat es viele schöne Bürgerhäuser aus dem 19. Jahrhundert. Aber auch einen Park mit Blumen, Brunnen und Denkmälern. Es ist richtig schön hier.

Auf mehreren Plätzen finden heute Wahlveranstaltungen statt. Reden, Fahnen, Flugblätter, Folklore und so. Wir mischen uns unter das Publikum und schauen ein wenig zu. Gleich öd wie bei uns!

Nebenan ist heute ein grosser Kunsthandwerkermarkt. Es gibt allerhand Gesticktes und Gedrechseltes. Und Tierfiguren aus Käse! Ich kaufe mir eine Tonflöte in Form eines Vogels - warum auch immer.

Seit Jahren möchte ich mal an den Dnjestr, an diesen grossen europäischen Fluss. Es ist nicht mehr weit bis dahin, also fahren wir nach Гaлич (Halysch). Das Städtchen liegt direkt am Dnjestr und soll ganz hübsch sein. Und tatsächlich, es liegt direkt am Dniestr…

Wir übernachten ganz oben auf dem Burghügel (n49.1208, e24.7300), mit einem wunderbaren Blick über Halysch und den Fluss. Leider sind wieder dumpfe Wolken aufgezogen.

Am Abend kommen einige Jugendliche auf den Burghügel, schauen in den Sonnenuntergang und lutschen sich im Gesicht.
Auf dem Burghügel habe ich tadellosen Wlan-Empfang, aber leider sind die Telefonnetze unglaublich langsam, so dass das Internet kaum brauchbar ist.

25. September 2012

Ukraine: mitten im Himmelgrau

Im Morgengrauen beginnt es zu regnen. Eigentlich freut uns das: Endlich ist es nicht mehr so heiss, dafür ist jetzt halt alles grau und nass. Wir fahren weiter nach Osten, immer der Theiss entlang.

Die Strasse ist recht gut. Wobei es auch runzlige Abschnitte gibt; sehr runzlige. Gerüchteweise sollen in den Schlaglöchern schon Pferde ersoffen sein. So schlecht die Strassen auch sind, die Häuser dagegen sind übertrieben “hübsch“. Den Neureichen scheint wohl nichts zu peinlich zu sein.

Die Wälder und Hügel ennet dem Flusses sind oft bereits in Rumänien. Unterwegs besuchen wir den Mittelpunkt Europas (n47.9629, e24.1876). Er ist zwar einer von vielen bekannten Mittelpunkten Europas; aber man soll nicht alles hinterfragen. Dieser liegt praktischerweise gleich bei einem Parkplatz und jetzt wo wir schonmal hier sind, sind wir auch beeindruckt.

Irgendwo habe ich gelesen, Paxiв, Raschiv (n48.0553, e24.2086) sei das „huzulische Paris“. Unser Paris kann damit aber unmöglich gemeint sein! Nichts, aber auch gar nichts erinnert an Paris. Gut, vielleicht liegt es auch am Regen, aber nach Paris schaut es hier so ganz und gar nicht aus.

Raschiv ist ein bescheidenes Landstädtchen ohne erkennbare Noblesse. Mir gefällt dieser etwas rauhe Sowjet-Charme und ich mag die einfachen gradlinigen Leute hier.

Der Bahnhof hat viele Geleise und ab und zu fährt auch ein Zug; also eigentlich genau wie in Paris. Auf einem Bahnwagen steht geschrieben, dass man neulich das 150-Jahr Jubiläum feierte. Der Zug wohl auch, so wie der ausschaut.

Wir wollen über die Karpaten hinüber, denn auf dieser Seite ist vieles noch sehr ungarisch geprägt. Und drüben erwarten wir dann etwas mehr richtige Ukraine.

Unsere Strasse führt über einen 900 Meter hohen Pass. Hier oben sind einige Skigebiete. Aber jetzt im September ist alles verlassen und eingeschlafen. Wir fahren noch bis hinunter nach Jaremtsche. Wir finden einen, für eine mondlose und regnerische Nacht genügend schönen Übernachtungsplatz.

24. September 2012

Ukraine: hässlichschön oder was

Die Ausreise aus Ungarn geht recht zügig. Wir müssen ein paar Fragen beantworten und einen Zettel ausfüllen. Dann dürfen wir ein paar Meter weiterfahren zur ukrainischen Einreise.

Auch hier sind die Grenzbeamten sehr freundlich und hilfsbereit, sie füllen für uns sogar die Formulare aus. Der zuständige Beamte hockt in einem Glashäuschen und hat Übergewicht und Heuschnuppen. Er saftet aus allen Poren und der Schnudder tropft aus seinem Gesicht. Dann müssen wir noch 21.32 Euro zahlen und fertig. Die ganze Prozedur hat knapp eine halbe Stunde gedauert.

Wir fahren los, erst einmal weg von der Grenze. Wir haben keine Strassenkarte(!) und unser Navi ist ratlos. Wegweiser hat es auch keine, und wenn, sind sie natürlich kyrillisch beschriftet.

Also fahren wir einfach geradeaus ostwärts, und später nach Norden. Wir durchfahren einige wenig aufregende Dörfer. Aber nicht unhübsch.

Gegen Mittag kommen wir nach Xycт (Chust). Volltreffer! Denn genau hier wollten wir hin. Schon von weitem sehen wir die goldenen Kuppeln der orthodoxen Kirche glänzen. Etwas kitschig.

Aber gleich daneben ist der Markt. Mit Früchte und Gemüse, Kleider und Spielsachen, Werkzeug und Medikamente; alles ist hier erhältlich. Wir kaufen einige Kleinigkeiten und setzten uns dann ich ein
Café und schauen den Leuten zu.

Viele Frauen sind auffallend aufgehübscht. Gesichtsbemalung, hohe Schuhe und üppigen Schmuck. Irgendwie nuttig.

Niemand wird behaupten, Chust sei hübsch. Gut, es hat einige bemerkenswert schöne Gebäude; aber der Rest ist rissig und staubig. Oder einfach bloss hässlich. Uns gefällt das.

Wir übernachten kurz hinter Chust direkt am Fluss. Wunderschön hier.
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22. September 2012

Ungarn: flaches Land und kurze Züge

Debrecen ist eine aufstrebende Stadt mit einem schönen Zentrum. Plätschernde Brunnen, Denkmäler von toten Helden und romantische Strassencafés.

Ein tapferer Krieger – keine Arme, aber ein Lächeln im Gesicht.

Hier im äussersten Osten Ungarn gibt es viele Strassendörfer. Beiderseits der Strasse und ennet dem Strassengraben eine Reihe kleine Ziegelhäuser; mehr nicht. Und alte Kirchen mit hölzernen Kirchtürmen.

Der Bahnhof von Mátészalka ist beachtlich gross; zehn Geleise und eine imposante Bahnhofshalle. Aber leider sind keine Züge da, bloss auf Gleis 6 steht ein röchelnder Schienenbus. Ein einziger Passagier sitzt drin.

Laut Fahrplan kommt in einer Stunde der nächste Zug. Das ist mir nun doch zu lang zum Warten. Und wer weiss, vielleicht ist es auch wieder nur ein Schienenbus.

Wir übernachten an einem Waldrand mit Blick auf die Getreidefelder. Der Himmel ist milchig und die Sonne geht hier im Osten bereits vor sieben unter.
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21. September 2012

Ungarn: sprachlos im Osten

Heute soll der Regen kommen, stattdessen kommt aber wieder die Sonne. Und damit wohl auch die Hitze, wie schon die letzten Tage. Zudem zeigen meine Sandalen dramatische (Hitze?)Schäden und müssten ersetzt werden.

Wir rollen ostwärts über die Ebenen und steuern dann das erste grosse Einkaufszentrum an. Im Eingang bekommen wir von der netten Frau mit dem grünen Hut eine Kundenkarte. Wie sich zeigt, sind wir in einem Grossmarkt gelandet. Vieles gibt es in XXL-Packungen erhältlich: Allerhand Süssigkeiten, grosse Säcke mit Nudeln,dutzendweise Würste. Aber auch Pizzakartons und Pommesgabeln. Und nagelneue Sandalen für mich. Schokoladenbraune mit Klettverschluss – Seniorenlatschen!

Die ungarische Sprache ist rätselhaft. Wir können zwar die Buchstaben lesen, der Sinn bleibt uns aber verborgen. Keine Ähnlichkeit mit den uns vertrauten Sprachen.

Die Strassen sind gut und gut beschildert. Aber die Ortsnamen sind unaussprechlich und ich kann mir die nie merken. Was aber auch egal ist, da wir sowieso ziellos nach Osten fahren. Die Ukraine ist gross; die können wir nicht verfehlen.
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20. September 2012

Ungarn: Männer stehen auf Pferde

Hinter den Mátra-Bergen liegt die Stadt Eger. Eger wurde einst von den Osmanen beherrscht, was man ihnen anscheinend heute noch übel nimmt.

Aus der osmanischen Zeit ist einzig ein mächtiges Minarett übrig geblieben. Es steht ganz einsam mitten im Quartier. Die umliegenden Kebab-Läden sind vielleicht auch osmanisch, aber eher neueren Datums.

Ungarn ist grösstenteils flach und sehr fruchtbar. Die Getreidefelder sind riesengross und reichen bis zum Horizont. Jetzt im September ist grad Erntezeit und die Mähdrescher mähdreschen das Getreide. Auch manche Traktoren sind herzhaft.

Wir rollen gemütlich übers flache Land; mitten in die Puszta hinein. Es ist heiss und staubig. Statt Getreide wächst hier bloss noch spärlich gelbes Gras.
Wir hocken uns auf einen Pferdewagen und lassen uns über das Steppenland kutschieren. Es sind keine Touristen da, drum bekommen wir einen Wagen fast ganz für uns allein.

Unterwegs machen wir da und dort halt und schauen einheimische Tiere an; Graurinder, Wasserbüffel, komische Schafe, ein Ochsengespann – und natürlich Pferde. Viele, viele dunkelbraune Pferde der Marke „Nonius“.

Die einheimischen Reiter stehen auf Pferde; im wahrsten Sinn des Wortes - fünfspännig. Wohl um die Pferde nicht zu zerkratzen, trägt der Reiter (oder Steher?) Schaumgummilatschen. Ein wilder Krieger in Pantoffeln…

Erst wollte ich ja nicht so recht mit so einem Pferdewagen fahren: Die ganze Zeit einem Pferd auf den Arsch gucken wollte ich nicht. Nun muss ich aber eingestehen, es war wunderschön - und man muss auch nicht andauernd auf den Pferdearsch schauen. Nur wenn man mag.

Am Abend wollen wir traditionell essen gehen. Pferdefleisch haben sie leider nicht auf der Karte, stattdessen nehme ich Palatschinken mit Fleischfüllung. Und Schaf-Gulasch mit Kartoffeln. Mundet usinnig gut.