14. Juni 2016

Milchchuchi Erstfeld

Es gibt sie kaum noch; Gaststätten wo man sich auf Anhieb zuhause fühlt und einem die Wirtin an die eigene Mutter erinnert. Die „Milchchuchi“ am Bahnhof Erstfeld ist so eine.
Eigentlich ist die Milchchuchi die Kantine der Eisenbahner und sie heisst längst ganz neumodisch «chez SBB». Aber man darf auch ohne orange Warnweste hinein und eine währschafte Mahlzeit geniessen.

Diesmal essen wir das Tagesmenü: panierter Fleischkäse, Bratkartoffeln und Ratatouille. Es schmeckt unspektakulär gut und ein wenig wie früher. Das passt perfekt zu den munteren Bähnlern und der Baracken-Kantine.

Die Milchchuchi hat vom Montagmorgen früh bis am Sonntagnachmittag durchgehend und rund um die Uhr geöffnet. Und sie liegt nicht weit von der Autobahn A2 Hamburg-Rom (n46.82098, e8.65029). Ein Besuch lohnt sich, denn wenn im nächsten Herbst der neue Gotthardtunnel aufgeht, umfahren die Züge den Bahnhof Erstfeld und keiner weiss, wie es mit der Milchchuchi weiter geht...

13. Juni 2016

Schatzkammer im Bunker

Was kann man an regnerischen Samstagnachmittag schon tun? Kultur oder was Unterirdisches anschauen. Nur gut, dass ausgerechnet heute die Schatzkammer vom Burch-Korrodi geöffnet. Die ist nämlich nur ganz selten zugänglich; und in einem unterirdischen Schutzraum in Sarnen. Also genau das richtige...

Meinrad Burch-Korrodi stammte ursprünglich aus Giswil und war in den 1950-er Jahren ein weltbekannter Goldschmied und Schmuckdesigner. Spektakulär und einzigartig waren vor allem seine sakralen Kunstwerke: Kelche, Kreuze, Medaillen.
Die Kirchenleute waren ganz verrückt danach. Selbst der Papst kaufte beim ihm ein.

Die Goldschmiedearbeiten des Burch-Korrodi Ateliers waren in ihrer Zeit völlig neuartig. Schlichte Bauhaus-Eleganz statt schwülstiger Barockformen. Ganz besonders haben mir dabei die Emaille-Oberflächen gefallen; hauchfeine Muster auf Gold- und Silbergefässen. Und seine ganz gradlinigen Fingerringe und Halsketten. Und seine Werkstatt-Skizzenbücher ...
Die Sammlung Burch-Korrodi in Sarnen ist nur ab und zu geöffnet, oder nach Anmeldung. Aber auch wenn man sich weder für Schmuck noch für Kirchenkunst interessiert, lohnt sich ein Besuch. Man kann da einfach schöne Dinge sehen.

11. Juni 2016

Spaziergang mit 13‘000 PS

Am Freitagvormittag landete bei uns auf dem Flugplatz Buochs eine Lockheed Super-Constellation. Ich nutzte meinen Mittags-Spaziergang und schaute mir den Flieger mal aus der Nähe an.
Die Lockheed Super-Constellation war in den 1950-er Jahren das berühmteste und eleganteste Passagierflugzeug. Wegen seiner grossen Reichweite wurde es vor allem im interkontinentalen Routen eingesetzt. Bis dann die Düsenflugzeuge aufkamen - die waren schneller und billiger...

Diese „Super Connie“ wurde 1955 gebaut und war ursprünglich ein Transportflugzeug der amerikanischen Armee. Seit 2004 ist sie nun auf dem Euro-Airport Basel zuhause und fliegt vor allem Rundflüge. So auch heute.
Die Lockheed Super-Constellation hat vier 18-Zylinder-Motoren mit zusammen etwa 13‘000 PS. Dementsprechend imposant ist der Lärm und Rauch beim Start. Und weil die Motoren so stark sind, konnte man auch sehr grosse Propeller montieren – was wiederum ein sehr hohes Fahrwerk erforderte, da sie sonst den Boden berühren täten. So elegant sie in der Luft aussieht, so, staksiges wirkt sie am Boden. Mich erinnert sie immer an eine Heuschrecke.

Meine Idee: Ich laufe da jetzt mal hin und schaue mir den Flieger aus der Nähe an – wurde leider vom Sicherheitspersonal zunichte gemacht. Sie fingen mich ein und begleiteten mich ganz nett aus dem Flugplatzgelände.
Mein Rückweg war 2,5 Kilometer lang – aber ich wolle ja eh spazieren gehen. Ich muss unbedingt an meiner An- und Einschleich-Strategie arbeiten, den in der letzten Zeit wurde ich grad ein paar Mal dabei erwischt. Peinlich, peinlich...

10. Juni 2016

unser Mehrfach-Frühling

Wir haben ja dieses Jahr schon einige Frühlinge genossen. Zuerst den in Zypern, dann in Giswil und einen im Iran – und jetzt geniessen wir den Bergfrühling in unserer Alphütte. Jetzt, bevor das Vieh und die Ausflügler kommen, ist es hier noch ganz ruhig und beschaulich.

Kaum ist der letzte Schnee sublimiert, ellbögeln sich die Blumen an die Oberfläche, spreizen ihre Blüten und lassen sich von den paarungswilligen Insekten schwängern. Jedes Jahr das gleiche Spiel.
So schööön.

9. Juni 2016

Istanbul: mein Lieblingsplatz und Fischbrater

Mein Lieblings-Ort in Istanbul ist ein schäbiger Park in Beyoğlu, nicht weit von der Galata-Brücke. Er ist gut zu finden; direkt hinter dem Quartier der Eisenwarenhändler und dem kleinen Fischmarkt. Unter den Bäumen stehen einige Plastikstühle und das Wasser klatscht an die Ufermauer.
Doch dieses Jahr hat sich vieles verändert; einige Nachbarhäuser wurden abgerissen und die Bäume in grossen Plastikkübeln beiseite gestellt. Anscheinend wird hier umgebaut.

Hier gibt es die besten Balik Ekmek (Fischbrötchen) der Welt. Auch wenn der Fischbrater nicht so lecker ausschaut, seine Fischbrötchen sind weltbekannt. Er heisst "Emin Usta" – und ist schon fast weltberühmt...

Das Rezept ist simpel. Erst brät er den Fisch bei niedriger Hitze auf dem Holzkohlegrill. Dann wickelt er ihn zusammen mit Tomaten-Zwiebel-Paprika-Hack und ordentlich Petersilie in ein Fladenbrot. Das wird dann mit etwas Öl beträufelt und reichlich mit Pul Biber – den rote Paprikaflocken – bestreut und dann rundum knusprig gegrillt.

Mit meinem Balik Ekmek setze ich mich ans Ufer. Ennet dem Haliç glänzen die Moscheen im Abendlicht. Die Muezzine lautsprechern zum Abendgebet. Die Möwen kreisen und die streunenden Katzen warten geduldig auf allfällige Essensresten. Isch wunderschön hier.

8. Juni 2016

130 Jahre Ersatz für guten Geschmack

Heute vor 130 Jahren hat der schweizer Fabrikant Julius Maggi die Maggi-Würze erfunden. Der preiswerte Ersatz für Fleisch und guten Geschmack geniesst bis heute Kultstatus.

Das Rezept der Sosse ist streng geheim. Es gibt Leute, die behaupten, dazu würden gebrauchte Gummistiefel und Schlachtabfällen ausgesotten. Was natürlicher völliger Unsinn ist: Laut Wikipedia werden sie nicht ausgesotten, sondern es kommt ein modernes "enzymatisches Hydrolyseverfahren" zum Einsatz.

7. Juni 2016

mir ist ein Licht ausgegangen

Am Möbelwagen ist eine Lampe kaputt. Das Rücklicht rechts tut nicht mehr. Es ist die erste kaputte Lampe seit ich den Möbelwagen habe; die Birne muss also mehr als zehn Jahre alt sein.
Um das Birnchen auszutauschen brauche ich kein Werkzeug und keine drei Minuten. Und kosten tut‘s genau 4 Franken.

Da frage ich mach manchmal halt schon, warum das bei den modernen Autos so umständlich und teuer sein muss?
Und ob ich jetzt auch schon zu diesen ewiggestrigen Spinnern gehöre, die alles Alte besser finden…

6. Juni 2016

Frau G. und die Hosenscheisser in Locarno

Neulich in Locarno: Wir sassen verträumt auf dem Bahnsteig und ich macht ein Foto vom Bahnwagen gegenüber.
Kurz später standen plötzlich drei halbstarke Jungs vor mir und verlangten, dass ich das Foto löschen müsse. Datenschutz und so. Ich zuckte mit den Schultern und sagte ganz freundlich: «Nö». Daraufhin fingen die drei zu schimpfen und drohen an. Ich sagte – öööhm ‒ nichts.
Aber Frau G. stand auf und richtet einige klärende Worte an die drei Jungs. Worauf diese fuchsteufelswild wurden und ihre Gesichter rot anschwollen.
«Kommen Sie doch her, wenn Sie Eier haben!» grölte einer zu Frau G.
Dieses Gesprächsangebot wollte Frau G. nicht ausschlagen und stellte sich eine Handbreit vor einen der Schlacks. Sie klärte den Hohlkopf über die anatomische Eigenheiten des Frauenkörpers auf; und ging dabei stetig vorwärts. Frau G. sprach leise, ich konnte dennoch Ausdrücke wie «hirnloses Dubel», «Weichschnäbeler» und «elende Hosenseicher» hören ‒ und auch ein paar unfeine Kraftausdrücke.

Die drei Pubertanten flüchteten sich daraufhin in ihren Bahnwagen. Durch die Doppelverglasung hindurch hörte man ihr Gemotze bloss noch als Gemurmel. Dann fuhr ihr Zug los und Frau G. winkte ihnen liebevoll hinterher.

Zu wissen, dass man der Jugend etwas Unvergessliches vermittelt hat, ist einfach ein schönes Gefühl.

4. Juni 2016

das Muger-Interview

Neulich hat mich der Weltenbummler Chris um ein Interviewgebeten: Über den Iran und unsere Reise dahin. Hier könnt ihr es lesen: Globesurfer.de

Und auch sonst gibt es bei seinem Weltreiseblog viel Interessantes und Spannendes zu entdecken. Viel Spass.
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3. Juni 2016

Centovalli: wildes Domodossola

Heute ist in Domodossola Markt und trübes Wetter. Wir schlendern durch die Gassen der Innenstadt und schauen die Marktstände an. Es sind unzählige, doch fast alle halten bloss Kleider, Schuhe oder Spielsachen feil. Nur einige wenige Händler haben pralle Würste und würzigen Bergkäse im Angebot. Oder feuerrote Kirschen.

Lange sitzen wir in einem Strassencafé und schauen dem Treiben zu. Es sind auffallend viele Walliser da. Wir erkennen sie nicht nur an ihrem Dialekt, sondern auch daran, dass sie grosse Rollkoffer für die Einkäufe hinter sich her ziehen.

Gegen Mittag beginnt es zu nieseln und wir ziehen weiter. Zuerst wieder den Berg hinauf bis Santa Maria Maggiore im Valle Vigezzo und von da weiter ins Valle Cannobina. Die Schluchten-Landschaft ist sagenhaft; und die Strasse eng, kurvig und steil. An den engsten Stellen passen wir grad so knapp durch.
Wer hier wohnt, wohnt vielleicht nicht am Arsch der Welt. Aber ist ganz nah dran.

Unterwegs fragt uns eine Autofahrerin, ob dies hier die Strasse nach „Bern“ sei? Öööhm – ja. Irgendwie und irgendwann führt jede Strasse nach Bern. Oder nach Paris oder Berlin, oder Giswil.
Uns führt sie aber in die andere Richtung, nach Cannobio am Lago Maggiore. Hier scheint sogar etwas die Sonne und wir fahren dem See entlang nach Brisago.

Auf dem Heimweg schauen wir noch zwei mittelalterliche Kirchenruinen und ein paar andere Sachen an. Dann beginnt es zu regnen und wir fahren endgültig heim.

Es war schön in den Hundert Tälern.

2. Juni 2016

Centovalli-Bahn

Die Centovalli-Bahn verbindet seit hundert Jahren Domodossola und Locarno, also die Gotthard- mit der Simplonbahn. Sie wird von der schweizerischen FART und der italienischen SSIF gemeinsam betrieben. Und obwohl die Schmalspurstrecke bloss 51 Kilometer lang ist, dauert die Fahrt fast zwei Stunden.

Unser Zug startet im U-Bahn-Bahnhof unter den Geleisen des grossen Bahnhofs Domodossola. Wir fahren heute mit dem „Panorama-Express“ der SSIF, einem eckigen Zug mit einer äusserst fragwürdigen Ästhetik.
Die Bahnlinie kurvt zuerst steil den Hang hinauf und dann weiter ansteigend durch das Hochtal Valle Vigezzo. Weiden und Wälder und ab und zu ein kleines Dorf. Der Bahnhof Santa Maria Maggiore ist mit 830 Meter über Meer der höchste der Strecke. Hier stehen einige Züge herum. Auf einem Schienenstück mitten im Rasen sogar ein uralter Triebwagen aus den Anfangszeiten.

Die Geleise winden sich den Felsen entlang. Unzählige Brücken und Tunnels sorgen für einen halbwegs graden Streckeverlauf, so dass der Zug manchmal fast 35 km/h schnell fahren tut.

Auf der Strecke gibt es jede Menge Bahnhöfe und Haltestellen. Oft stehen sie mitten im Wald, bloss ein kleines Bahnhof-Häuschen an den Schienen; das dazugehörige Dorf ist höher oben und nicht zu sehen.
Dafür überqueren wir auf schwindelerregend hohen Brücken mehrmals das Tal. Manche unserer Mitreisenden getrauen sich kaum noch aus dem Fenster zu schauen und krallen ihre Finger ins Sitzpolster.

In Locarno endet die Fahrt so, wie sie in Domodossola begann – im Untergrund unter den Geleisen.
Wir sind heute nicht nur wegen lustig nach Locarno gefahren. Nein, Frau G. hat gestern in einem Schaufenster sooo tolle „Sommerschuhe“ gesehen und will sie heute unbedingt anprobieren. Als sie sie dann anhat, sehen sie aus wie Hufe.

Später fahren wir wieder mit der Centovalli-Bahn zurück und nächtigen neben dem Bahnhof Domodossola. Morgen ist Markttag und wir wollen früh da sein.

1. Juni 2016

Centovalli: das Tal der Kaminfeger

Strahlendblauer Himmel über Verscio. Wobei hier im Centovalli der Himmel bloss ein blauer Streifen zwischen den bewaldeten Steilhängen ist. Wir brummen genüsslich dem engen Tal entlang. Die Strasse ist schmal und kurvig; manchmal auch steil. Links geht es manchmal fast senkrecht in die Schlucht hinunter.

Die kleinen Dörfer kleben am Steilhang und die Strasse würgt sich zwischen den Häusern hindurch. Ab und zu sehen wir die Bahnlinie der Centovallibahn. Mich begeistern die kühnen Brücken, die himmelhoch die Schlucht überqueren.

Das erste richtige Dorf nach der Schweizergrenze heisst „Re“ und ist bloss eine Handvoll Häuser und eine Kirche. Aber eine was für welche? Ein richtiger Kirchenpalast aus einheimischem Gneis und mit Kuppeln wie eine türkische Moschee.

Die Basilika von Re, „Santuario Della Madonna Del Sangue“, ist ein weitherum beliebter Wallfahrtsort und ist der „heiligen blutenden Maria“ gewidmet. Sie gilt als ganz besonders wundertätig und hilft vor allem bei Geburten. Im Inneren hängen Hunderte von Geburtsandenken die Wände.
Ganz besonders schön sind die modernen Glasfenster. Jetzt in der Morgensonne werfen sie bunte Flecken auf das Mauerwerk und die baumdicken Granitsäulen.

Nach Re geht das Centovalli nahtlos in das Valle Vigezzo über. Im Dorfzentrum von Santa Maria Maggiore stehen einige prächtig bemalte Häuser. Und ich vergesse sie zu fotografieren! Und hier steht auch das Kaminfeger-Museum, das die traurige Geschichte der Spazzacamino, der Kaminfeger-Buben, erzählt. Aber das ist eine andere Geschichte …

Das Wetter verschlechtert sich rasant. Als wir Domodossola erreichen ist es trübgrau und es sieht nach Regen aus. Wir lassen uns ganz in der Nähe des Bahnhofes häuslich nieder..

31. Mai 2016

Centovalli: Locarno und so

Am letzten Wochenende hatte die katholische Schweiz schon wieder Feiertag und wir nutzen die Gunst der Stunde für eine Reise in den Süden. Die Wetterprognose ist zwar nicht so verlockend, aber im Moment ist es schön und wir fahren über den Gotthardpass. Manche Schneemauern sind noch haushoch, doch auf der Südseite des Passes ist es schon aper.

Am Bahnhof Cadenazzo stellen wir unseren Möbelwagen ab und fahren mit der Regionalbahn TILO nach Locarno. Die Sonne scheint und auf der Piazza Grande ist heute Markt. Allerlei Gefilztes, Gestricktes und Getöpfertes, daneben auch Bergkäse, Würste und Rauchfleisch. Wir kaufen Sandwiches und setzen uns damit unter eine mächtige Platane am Seeufer. Die Palmen rascheln im Wind und die Bananen haben bereits fingerlange Früchte. Die Wellen plätschern ans Ufer und die Tauben schauen uns gierig zu.

Die alte Standseilbahn ächzt wehleidig, als sie mit uns nach Madonna del Sasso hinauf fährt. Madonna del Sasso ist ein prächtiges Kloster auf einer Felsnase hoch über Locarno. Zum Glück steht es gleich bei der Bahnstation, denn das Gelände ist unglaublich schroff und jeder Fussweg ist eine Treppe.

Von aussen wirkt die Anlage sehr malerisch und die Aussicht ist grandios. Innen ist die Kirche seeehr üppig ausgeschmückt und überaus bunt bemalt. Kitschig könnte man auch sagen.
An den Wänden hängen hunderte Ex-voto Tafeln; Votivtafeln zum Dank und im Gedenken an ein überstandenes Unheil. Geburten, Stürze, Brände, Lawinen und zahlreiche Autounfälle – und jedesmal ging es dank der Madonna del Sasso gut aus. Manche der Tafeln kommen aus Ungarn, Spanien, Albanien oder aus allen möglichen Kantonen.

Dann kommen Wolken und wir bahnfahren nach Cadenazzo zurück. Unser Möbelwagen steht unberührt hinter dem Bahnhof. Wir rollen damit genüsslich gegen Süden und nächtigen in Verscio, einem steinigen Dorf am Eingang zum Centovalli. Centovalli – die „Hundert-Täler“.
Wir finden einen netten Übernachtungsplatz direkt an einem wasserlosen Wildbach. Aus dem Dorf treibt der Wind Musik zu uns hinüber; zuerst AC/DC und Iron Maiden, später Youssou N’Dour, Khaled und Bob Marley. Dann Janis Joplin und Joe Cocker – ich fühle mich wie in den 1990-er Jahren.
Die Spatzen zwitschern und es riecht nach Regenwetter. Isch schön hier.

30. Mai 2016

die Rhabarber; ein dummes Gemüse

Ausser den Stängeln ist bei der Rhabarber so ziemlich alles giftig oder ungeniessbar. Und die Stängel schmecken bitter und nach ‒ öööhm ‒ Rhabarber. Immerhin galt sie bei den Chinesen als gesund und sie verwenden sie seit 4‘000 Jahren gegen die Scheisserei.
Aber weshalb sollte ich so etwas essen wollen? Weshalb ‒ weil Frau G. neulich daraus einen zauberhaften Kuchen buk. Oder müsste es „backte“ heissen? Oder eher „buckte“?

Hier nur kurz das Rezept: Der Boden ist ein blindgebackener Mürbeteig. Darauf kommen eine Feuchtigkeitsschutzschicht aus geschmolzener Schokolade und ein Belag.
Für den Belag müssen zuerst die Rhabarberstücke in Grenadine-Sirup weichgekocht werden; Frau G. hatte keinen und kochte sie deshalb in etwas Zuckerwasser. Dann verrührte sie Rahm, weisse Schokolade und Magerquark zu einer geschmeidigen Masse. Diese kommt auf den Mürbeteigboden und die erkaltete Rhabarber-Schlotze und die restliche Feuchtigkeitssperr-Schokolade-Splitter darüber. Den Kuchen nun kaltstellen bis er sich verfestigt.

Der Frau G. ihr Rhabarberkuchen schmeckt wunderbar und nach mehr.

28. Mai 2016

Rhein-Marne-Kanal: heute am Rhein Rhone Kanal

Die Vögel zwitschern in der Morgensonne. Sonst ist es hier am „canal Rhône au Rhin“, der Konkurrenz des Rhein-Marne-Kanals, ganz ruhig, bloss das Schleusenwasser plätschert leise. Dann muss ich aufstehen und es auch plätschern lassen.
Gestern Abend fuhr kein einziges Schiff hier vorbei. Doch nun kommt das erste schon beim Frühstück. Ein schönes Wohnboot namens „San Francisco“ fährt mitten durch unser Esszimmer.

Gegen Mittag packen wir zusammen und rollen über Altkirch und Basel genüsslich nachhause. Über den Alpen am Horizont stossen kuglige Wolken auf und künden vom Wetterwechsel.

Als ich den Möbelwagen zu seiner garage bringe, steht da mein kleines Auto mit offenen Fenstern auf dem Vorplatz! Anscheinend habe ich vor zehn Tagen vergessen, es wegzustellen!

27. Mai 2016

Rhein-Marne-Kanal: der heilige Finger

Wir übernachteten gestern Abend noch einmal mitten in Nancy am Bassin Sainte-Catherine. In der Ferne hörten wir die Fussballer jubeln. Später feuerte jemand Böllerschüsse in die Luft, dann fuhren alle von unserem Parkplatz weg. Und morgens um sechs ging die Sonne auf und einige Jugendliche diskutierten nebenan lautstark die Tagesaktualitäten. Insgesamt war es eine eher unruhig Nacht.

Kurz nach Nancy sehen wir schon von weitem die beiden Türme der Kirche von Saint-Nicolas-de-Port. Die will ich mir unbedingt gschwind anschauen, denn da bewahrt man einen Finger vom Sankt Nikolaus auf.
Die Kirche ist ja nicht zu verfehlen, aber wo im Grossen Innenraum finden wir den heiligen Finger. Ich frage den Sigrist. Ganz einfach; ich muss einen Euro einwerfen und dann öffnet sich surrend das Fenster zur Schatzkammer, das Licht geht an – und da ist er. Goldgefasst und grell beleuchtet, der Nikolaus-Finger. Wir sind – öööhm – erstaunt.

Aber wie ist dem Nikolaus ein Finger abhanden gekommen? Hat er ihn wie eine angerauchte Zigarette einfach irgendwo liegen lassen? Oder hat er ihn aus Versehen mit der Baumschere abgezwackt, oder hat ihn damals der Totengräber ein Souvenir mitlaufen lassen? Man weiss es nicht.

Nach diesem kulturellen Höhepunkt fahren wir weiter heimwärts. Die Landschaft ist hügelig. Rapsfelder und kleine Dörfer, wo die Häuser zu verkaufen sind. Halt typisch Lothringen!
Je länger je mehr graue Wolken ziehen auf. Wir nähern uns den Vogesen. Die Hügel werden zu Bergen und sind nun mit Tannen bewachsen. Die Strasse steigt stetig an. Dann kommen wir auf den Col de la Schlucht, die Passhöhe ist auch gleichzeitig die Grenze zum Elsass. Doch wir bleiben in Lothringen und fahren auf der Route des Crêtes weiter südwärts.

Diese Strasse führt – wie es der Name schon sagt – immer der Krete entlang. Ursprünglich war sie eine Militärstrasse und versorgte im 1. Weltkrieg die französischen Soldaten. Auf der andern Seite der Krete war das Elsass, und das gehörte damals zu Deutschland. Also zum Feindesland. Zahlreiche Denkmäler und Soldatenfriedhöfe erinnern an diese unrühmliche Zeit.

Hier auf etwa 1‘400 Meter Höhe liegen noch Schneeresten. Doch überall spriessen schon die Frühlingsblumen – und die Ausflügler.
Ein Töff-Fahrer transportiert seinen Hund im Tankrucksack und der Hund trägt eine extra Hunde-Brille. Zum Glück hat er bloss einen kleinen Hund dabei, mit einem Rottweiler stellte ich mir das schwierig vor?

Irgendwann enden dann die Vogesen und wir müssen wohl oder übel wieder ins Tal hinunter. Wir übernachten an der berühmten Schleusentreppe von Valdieu. Ganz einsam und malerisch. Ausser uns sind nur noch zwei Fischer und ein Fischreiher hier.