8. November 2012

Berlin: das Gewissen aus Stein

Überall trifft man auf Mahnmale. Manche stehen ganz verborgen in einem Aussenquartier, wiederum andere sind mitten im Stadtzentrum. Raumgreifend und monumental, meist etwas aufdringlich.

Jede Opferkategorie bekam ein eigenes Mahnmal: Es gibt solche für Juden, Zigeuner, Schwule, Kommunisten, Behinderte, Kranke, Kriegsgefangene, Freiheitskämpfer, Parlamentarier, Kriegsdienstverweigerer und Deserteure.

Der Star unter den Mahnmalen ist das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“. Ein riesiges Feld voller grauer Betonelemente. Sinnfrei, scharfkantig und manche leicht geneigt. Ich schlendere zwischen den Klötzen herum und lasse mich ermahnen. Als ich zum Himmel hinauf schaue, bilden die Stelen ein Kreuz. Sonderbar?

Jetzt, wo ich das Mahnmal durchschritten habe, bin ich mir sicher - ich ermorde auch künftig keine Juden.

7. November 2012

Berlin: überall Schlamm und rosa Röhren

Wo man in Berlin hinschaut, war mal etwas. Was da einst war, ist aber nicht mehr. Meist wurde es im letzten Krieg zerstört. Oder später vom Kommunismus oder dem Wirtschaftswunder. Und deswegen ist heute vielerorts gar nichts; oder etwas Unschönes. Oder eine Baugrube.

Ich mag die Baugruben. Ich stehe gerne am Absperrgitter und schaue zu den Arbeitern hinunter. Hier in Berlin sind die Baugruben nass; sehr, sehr nass. Schlammig und matschig. Manche Baugruben sind sogar randvoll mit Wasser, so dass Schiffen darin herumfahren. Andernorts tauchen Taucher in der trübe Baugrubensosse. Um dann die Baugruben trocken zu legen, pumpen Pumpen das Wasser in die Spree. Die rosaroten Druckleitungen wurmen sich durch die halbe Stadt.
Irgendwo hat jemand „Sperma-Pipeline“ drauf geschrieben - stimmt aber gar nicht! Öööhm - hoffe ich doch?

6. November 2012

Berlin: Marx und Engels verrückt worden

Karl Marx und Friedrich Engels haben einst den Sozialismus erfunden. Und sie haben ihn auch selber eifrig praktiziert - haben sich zeitlebens von anderen Leuten aushalten lassen. Dies war für die DDR Grund genug, den beiden ein Denkmal zu widmen.

Mit Unschuldsmienen blicken die beiden alten Philosophen stramm nach Osten. Überlebensgross. Marx sitzt und Engels steht. Wegen ihrer Kleidung wurden sie vom DDR-Volk auch wenig liebevoll „Sakko und Jacketti“ genannt. Seit 1986 standen die Bronzefiguren im Zentrum eines etwas öden Platzes, dem „Marx-Engels-Forum“.
Und nun das - letztes Jahr mussten die beiden der U-Bahn Baustelle weichen. Man verrückte sie in einen nahen Park. Da stehen sie nun und blicken jetzt stoisch nach Westen.

5. November 2012

Berlin: so isst Berlin

Mitten auf der Warschauer Brücke stehen zwei Buden. In der dunkelroten wird „Berliner Currywurst“ feilgehalten. Seit 1975, wie angeschrieben steht. Na also - da bin ich ja wohl goldrichtig.

Was mir der nette Fleischereiknecht reicht, ist so eine Berliner Currywurst. Ein Kartonschälchen mit einer mundgerecht gescheibelten Wurst, übergossen mit Tomatensauce und mit Currypulver bestreut. Als Werkzeug ein Dreispitz aus gelbem Plastik und eine Wischpapier für danach.

Wurstmässig ist Berlin immer noch eine geteilte Stadt. Im Osten ohne Darm, im Westen mit. Das vorliegende Exemplar ist ohne Darm und schmeckt wirklich gut. Lecker tut man hier sagen.

4. November 2012

Berlin: Rümschrümp im Hinterhof

Die „Hackeschen Höfe“ und die „Rosenhöfe“ sind von der Strasse aus gesehen furzgewöhnliche Stadthäuser. Modeboutiquen, Starbucks und noch mehr Modeläden. Geht man aber hinein, kommt man in eine ganz andere Welt. Acht wunderschöne Höfe mit Jugendstil-Fassaden. Schick herausgeputzt und nett aufgehübscht.

Etwas versteckt zwischen den schmucken Hackeschen und den Rosenhöfen ist noch ein weiterer Hof. Ein richtiger Hinterhof. Skurril vollgesprayt, rissig und herrlich schmuddelig. Die Gaststätten haben seltsame Namen; „Eschschloraque Rümschrümp“ und „Kaffeekaschemme“. Peter kennt hier eine Kunstgalerie, die „Galerie neurotitan“. Wir schauen uns die aktuelle Ausstellung an: we do voodoo!
In den finsteren Kellergewölben ist „das Monsterkabinett“ zuhause. Der Künstler Hannes Heiner hat hier ein absurdes Universum mit mechanischen Monstern geschaffen. Die liebenswerten Monster trommeln, tröten und manch eines schnappt nach den Besuchern. Schaurig schön.

Als ich mir ein Weissbier bestelle, fragt der Kellner: «grün oder rot?». Öööhm - rot. Ich bekomme ein Himbeersirup-Bier. In einer Blumenvase und mit einem Röhrli! Berlin...

3. November 2012

Reisetipp: bloss nicht auffallen

Der Reisetipp am Samstag: Am sichersten reist man unsichtbar. Keine knallfarbige T-Shirts mit „fuck me“ oder "sexy Barbie Man" Aufdruck.Auch keine ultrakurzen Hosen oder affigen Frisuren. Und bitte auch keine patriotische Landesflagge an den Rucksack hängen. Sonst darfst du dich nicht wundern, wenn du von jedem Krämer angequatscht wirst.
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2. November 2012

Berlin: zeitlos am Alexanderplatz

Mitte Nachmittag geht unser Flieger in Tegel nieder. Ein paar Schritte und eine Busfahrt später stehen wir am Alexanderplatz. Früher war der Alexanderplatz gross und hässlich. In den 90-er Jahren wurde er komplett neu gestaltet. Jetzt ist er kleiner.

Die Urania-Weltzeituhr glänzt mit vergoldeten Stundenzahlen. Diese drehen sich hinter den 24 Zeitzonen mit den Städtenamen. Eigentlich eine schöne Idee; bloss gibt es weltweit deutlich mehr als 24 Zeitzonen. So mussten halt einige Städte mit Korrektur-Zeiten versehen werden. Zudem kann die Sache mit der Sommerzeit auch nicht berücksichtigt werden. Jedenfalls zeigte die Uhr heute die falsche Zeit an.
Das eigentliche Uhrwerk befindet sich übrigens in einem kleinen Keller unter dem Alexanderplatz. Ein Elektromotor aus DDR-Zeiten, der läuft und läuft...

1. November 2012

80 Stunden in Berlin

Jetzt sind wir grad zurück aus Berlin. Wir waren ein paar Tage da; Peter zeigte uns die Stadt. Paläste und Kneipen. Historisches und ganz Modernes. Goldene Statuen und verpisste Hinterhöfe.

Berlin ist gross, laut, flach, neu gebaut, spannend und unsäglich hässlich. Und wunderschön. Leider hatten wir bloss achtzig Stunden Zeit. Unser Besuch war daher etwas zu hektisch und wir verpassten viele Kleinigkeiten am Strassenrand. Aber wir werden bestimmt wieder einmal hinfahren.
Ich werde in den nächsten Tagen das eine oder andere über Berlin berichten. Mal schauen was daraus wird...

31. Oktober 2012

Österreichischer Nationalstolz

Neulich war ich doch in Österreich unterwegs. Mozartkugeln, Wiener Schnitzel und Eitrige; kennt jeder. Aber was ich auch noch entdeckte, übertrumpft alles.

Schier unglaublich: In Österreich gibt es sogar Zahnpasta in Gestalt ihrer Landesflagge. Rot-weiss-rot.

30. Oktober 2012

isch alles lässig

Neulich war ich in Zürich Architektur gucken; ich habe darüber doch berichtet. Und da man vom gucken nicht satt wird, besuchten wir bereits im Voraus eine Gaststätte zwecks Morgenkaffee. Ein gemütliches Strassencafé mit Art-Deko Ausstattung und einer dunkelbraunen Bar mit Messingbeschlägen und einer geschliffenen Marmorplatte. Aber darum geht es gar nicht...
Zwei Kellner bedienten uns. Beide mit langen Schürzen und neckischen Krawatten. Sie sprachen weicher Stimme und hatten eine überaus warmen Ausstrahlung. Als wir unsere Tassen leer hatten, fragte einer:
«...und bi oi isch alls lääässig?».