30. November 2012

Frau Lena und ihre Nordsee

Kürzlich hat mich die Frau Lena von nordsee24.de gefragt, ob ich nicht mal etwas über die Nordsee schreiben täte. Und dabei meint sie wohl nicht diese Fischbraterei, die in allen Fussgängerzonen fritiertes Getier feilhält.
Bei „Nordsee“ kommen mir schrumplige Frührentner in Strandkörben und gelben Gummistiefeln in den Sinn. Nasskalter Wind, gestrandete Walkadaver und Otto. Und ein Meer ganz ohne Wasser, also eigentlich perfekt für Nichtschwimmer und Bergler wie mich.

Jetzt will ich aber nicht behaupten, dass ich schon einmal freiwillig dort war - immer bloss auf der Durchreise. Die Nordsee war daher eher im Weg als am Ziel. Und bis anhin verspürte ich auch keine erkennbare Zuneigung dazu. Eher grauste mich vor den Wattwürmern und den –wanderern.
Jetzt wo mich die Frau Lena neugierig gemacht hat, finde ich den Gedanken an eine Reise an die Nordsee gar nicht mehr so abwegig. Also nicht bloss daran vorbei fahren, nein, anhalten und aussteigen. Da hat es nämlich viel schöne Gegend; Landschaft wäre etwas übertrieben, da jegliche Berge fehlen. Dafür gibt’s üppig Himmel und Wolken. Und Meer, wenn das Wasser grad da ist. Ich vermute, es gibt dort oben sogar gebratenen Fisch.
Hier drauf drücken: NordseeOstsee oder Frau Lena.
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29. November 2012

Kalter Krieg auf unserer Strasse

In den 1960-er Jahren brodelte rund um die Schweiz der „Kalte Krieg“. Das Militär gab sich wehrhaft und kaufte zahlreiche neue Kriegsflugzeuge. Dazu erneuerte man auch die entsprechenden Flugplätze und baute grössere Bunker für die neuen und grösseren Flieger. Man war bereit gegen Feind aus dem Osten.
Nun hatte man zwar über 350 Kampfflugzeuge; aber bloss 13 Flugplätze. Und die täte der Russen bestimmt als erstes kaputtmachen. Die neuen Flugzeuge könnten dann nicht starten; oder wenn doch, nachher nicht mehr landen. Das wär blöd.

Also baute man einige Autobahnen zu Notflugpisten um. Das klappte da ganz gut, wo der Flugplatz direkt neben einer geraden Autobahn lag. Direkt neben dem Flugplatz Alpnach ist dummerweise keine - nur eine zweispurige, kurvig Autostrasse. Und mit einer Brücke drüber. Für eine Flugpiste also eher suboptimal!
Im Juni 1978 probierte man es trotzdem aus. Bei der Übung „NOSTRA“ starteten sechs „Hawker Hunter“ von der Autostrasse. Mit 200km/h rasten sie unter der Brücke durch und hoben danach gleich ab, denn bis zur nächsten Kurve waren es knapp 700 Meter. Und dahinter steht der Pilatus.
Ende September 1988 übte man ein zweites mal. Diesmal starteten zwölf „Northrop Tiger“ von der Strasse. Alles klappte tadellos. Man war parat, doch ein Jahr später war der „Kalte Krieg“ aufs mal zu Ende.

28. November 2012

suchenSieetwasBestimmtes

Neulich war es wieder soweit; der alljährliche Schuhe-Einkauf stand an. Meine aktuellen Schuhe sind ausgelatscht und hässlich. Das habe ich schon im Sommer bemerkt, den Ersatz aber auf später vertagt. Jetzt ist „später“ und die Sohle löst sich ab. Jetzt muss ich wohl da hin; in den Schuhladen
Für mich – ja ich möchte gar behaupten, für den männlichen Menschen generell – ist Einkaufen eine lästige Pflicht. Schuhe kaufen eine ganz besonders üble, schlimmer wäre nur noch Hosen kaufen. Also: Ich brauche neue Schuhe. Halbschuhe. Schwarze. Zum Schnüren.
Im Schuhladen haben sie reihenweise Schuhe in allen Farben und Formen. Die schiere Menge liess mich erschaudern. Ich will doch nur Schuhe. Halbschuhe. Schwarze. Aber solche hat es hier anscheinend keine!
Unbemerkt schlich sich so ein aufgehübschtes und pickliges Froilein an. Sie flötet: «suchenSieetwasBestimmtääs?». Diese direkte Frage traf mich ganz unvorbereitet. „Etwas Bestimmtes“ - nö, suche ich eigentlich nicht. Einfach Halbschuhe; irgendwelche. Gut, neu müssten sie sein, und schwarz. Sie wusste viel über Schuhe zu erzählen. Von Rindsleder, Teddyfell und atmungsaktiver Fütterung. Ich will aber doch kein Haustier kaufen – was ich brauch sind neue Schuhe!
Da blieb mir nur noch die Flucht. Draussen im Parkhaus beschaute ich noch einmal meine gegenwärtigen Schuhe und kam zum Schluss: Jetzt im Dunkeln sehen die ja noch ganz nett aus – die kann ich noch eine Saison tragen. Schuhe werden sowieso gerne überbewertet.

27. November 2012

dieser Reinhold Messner lügt doch

Beim Aufräumen bin ich über ein altes Foto gestolpert. Wir bezwangen im Oktober den Giswilerstock und ich machte einen Eintrag ins Gipfelbuch.

Ich schrieb: Wir sind oben. Dieser Reinhold Messner ist ein Dubel - so eine Gipfelbesteigung ohne Sauerstoff ist nämlich gar nicht möglich. Lügner!
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26. November 2012

mein Wurstbrot verpasst und ich bin schuld

Neulich reisten wir doch nach Berlin. Mit dem Flieger. Aufgrund äusserst ungünstiger Umstände stand Frau G. ohne ihre Handtasche am Flughafen. Ohne Geld, ohne Reisepass, ohne Karten. Und auch ohne die extra für die lange Flugreise geschmierten Wurstbrote.
Manche geben reflexartig mir die Schuld, bloss weil ich auf ihre Handtasche aufpassen sollte. Hab ich ja auch getan - anfangs. Nun steht ihre Handtasche zuhause auf dem Parkplatz. Und im Regen. Aber wie gesagt; die Umstände waren äusserst ungünstig! Und die Tasche ist ja nicht weg; nur nicht dabei.

Wie dem auch sei: Die Flughafenleute sind da etwas eigen; sie wollen ein Reisedokument sehen, sonst lassen die Frau G. nicht einsteigen. Genau für solche Fälle betreibt die Kantonspolizei direkt am Flughafen einen Schalter. Der diensthabende Polizist zeigte sich einsichtig und ist willig zu helfen. Zehn Minuten und Hundertfünfzig Franken später hat Frau G. einen niglnagelneuen „provisorischen Schweizer Pass“ in Händen. Nun kann's losgehen.
Eins aber hab ich gelernt: Nächstes mal gebe ich die Wurstbrote nicht wieder aus der Hand.

24. November 2012

Reisetip: wo ist der Diesel

Der Reisetipp am Samstag: Die Schrift und/oder Sprache kann noch so exotisch sein, die Tanksäule mit dem Diesel findet man aber trotzdem immer. Da wo der Boden schwarzschmierig und speckglänzend ist - da ist jeweils die Dieselsäule.
Manchmal liegen da richtige Dieselpfützen, darum empfehle ich auf der Beifahrerseite aus zu steigen. Sonst  hat man die ganze Sosse an den Schuhen - und das Auto stinkt die nächsten Monate wie in eine brennende Raffinerie. Unschön ...
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23. November 2012

ich hab keinen Koffer in Berlin

«Haben Se ihr Koffer verjessen, wa?», fragte der Hotelknecht bei der Abreise. Schon klar – für Aussenstehnde mag das so aussehen, denn wir reisen diesmal mit kleinem Gepäck. Ganz kleinem. Für die paar Tage in Berlin braucht man ja nicht viel.

Frau G. hat eine Umhängetasche mit - und ich meine kleine Laptoptasche. Kaum A4 gross und gut vier Kilo schwer. Meine Kleider habe ich neben den Compi hineingepresst. Drei T-Schirts und Unterhosen. Kabel, Netzteil und ein Buch. Etwas Shampoo und Zahnpasta habe ich zuhause in alte Filmdöschen gefüllt; mehr darf man ja nicht in den Flieger nehmen. Das ist alles.
Gut, ursprünglich war noch ein Wurstbrot dabei. Das habe ich aber zuhause liegen lassen. Über Augsburg hat die SWISS zum Glück einige ihrer Sandwiches verteilt. Die waren ganz schmackhaft, aber halt bloss daumengross.

22. November 2012

Berlin: meine Augenweide

Das Restaurant „Volkskammer“ ist eine Reise in die 1970-er Jahre. Alles, die Speisekarte, das Mobiliar, die Tapeten, das Geschirr, dieTopfpflanzen und auch der Gastwirt sind aus der damaligen Zeit. Wunderbar.

„BITTE LEBEN“ hat jemand an die Fassade des Wohnhauses „Schlesisches Tor“ gemalt. Das Haus wurde vom portugiesischen Architekten Álvaro Vieira geplant und gilt als Stil-Ikone der 1980-er Jahre.

Berlin ist eine Augenweide.

Seine Bewohner und -innen nicht unbedingt. Das links ist ein Kerl ...

21. November 2012

Berlin: Pferde auf dem Dach

In den Kinderbüchern gibt es doch diesen „Hanns Guck-in-die-Luft“. Genau so komme ich mir auch vor. Überall gibt es interessante Sachen zu sehen. Und die sind oft hoch oben. Türme mit güldenem Zierrat, in Metall gegossenen Feldherren und gläserne Kuppeln. Ich befürchte schon die Nackensteife vom andauernden nach-oben-gucken.

Besonders gut gefällt mir das Brandenburger Tor. Auf dem Dach stehen vier Blechpferde, wie versteinert. Sie ziehen stehend eine ebenso immobile Karre mit einer Frau drauf. Diese hält einen Wischmob in die Höhe. Darauf hockt wiederum ein Vogel. So genau konnte ich es aber nicht erkennen.

Gleich nebenan steht das alte Reichstaggebäude. Ein monumentaler Sandstein-Palast aus dem späten 19. Jahrhundert. Etwas jünger und halb so gross wie unser Bundeshaus in Bern. Aber mit Einschusslöchern.

Und oben auf dem Flachdach dann diese grandiose, gläserne Kuppel. Wir schlendern bis ganz zuoberst hinauf. Über uns nur noch der blaue Himmel. Blauen Himmel können sie gut, die Berliner.

20. November 2012

Berlin: Parade und Parodie

Es war damals an einem kühlen Nachmittag im Oktober 89. Alte Männer standen am Strassenrand und grinsten versteinert. Es stank beissend nach Auspuff. Panzerketten knirschen über den Asphalt. Stramme Soldaten im Gleichschritt. Was war da bloss geschehen? Es waren die Feierlichkeiten zu „40 Jahre DDR“.

Erich Honecker, Dachdecker und Staatsratsvorsitzender, reimt damals euphorisch: «Vorwärts immer, rückwärts nimmer». Schon einen Monat später wussten alle – es kommt alles ganz anders.
Die Parade fand damals an der Karl-Marx-Allee statt. Einer viel zu breiten und pfeilgeraden Strasse in Ostberlin. Ursprünglich sollten solche Paraden eigentlich vor dem Palast der Republik stattfinden. Man fürchtete aber Schäden an der Glasfassade wegen der Erschütterungen durch die Panzer und so feierte man halt an der langweiligen Karl-Marx-Allee.
Und heute stehe ich nun genau da und blicke hinüber, wo damals die grauen Mannen standen. Jetzt ist da bloss noch gähnende Leere und trostlose Laaangeweile. Parodie statt Parade.

19. November 2012

Berlin: wir Schweizer und ihr Fernsehturm

Berlin ist flach wie eine Pfütze. Und das was die Eingeborenen als „Berge“ benennen, sind in Wirklichkeit bloss ein paar fladenförmige Hügel. Kaum dreimal so hoch wie die Hausdächer, also nix.
Diesem Umstand wollten einst die Ostberliner mit einem Turm begegnen. Einem hohen Fernsehturm – einem sehr, seeehr hohen.

Mit der Planung des Fernsehturms begann man bereits in den 1950-er Jahren. Die Form war bald gefunden: Ein runder Turm mit einer Kugel und einer Antenne obendrauf. Aber wo soll er zu stehen kommen?
Der Basler Architekten Hans Schmidt wusste Rat und schlug heutigen Standort vor. Perfekt; hier war der Fernsehturm von überall her gut zu sehen. Auch aus Westberlin! Und wegen diesem Schweizer steht der Turm nun da, wo er heute steht.

Das vorgeschlagene Areal war unbebaut. Also - seit dem der Krieg die Häuser zerstört hat. Eines der Grundstückgehört einer Schweizer Familie. Die betrieben hier seit mehreren Generationen das „Café Vicedomini“. Nun wurde das Grundstück für den neuen Fernsehturm benötigt - also enteignet.

Die Familie Vicedomini wollte eine Entschädigung für ihr Grundstück - Deutschland wollte aber nicht bezahlen. Die ganze Sache zog sich hin. Erst 2003 gab Deutschland nach und entschädigte die Erben in der Schweiz: Ganz genau 1‘797 Euro und 39 Cent erhielten sie für ihr Millionen-Grundstück im Herzen Berlins.

17. November 2012

Reisetipp: das Bettlergeld

Der Reisetipp am Samstag: Fast in allen Reiseländern trifft man auf Bettler. Ob man ihnen was gibt oder nicht, muss jeder für sich selber entscheiden. Wenn ja, dann ist es aber eher ungeschickt, wenn man vor seinen Augen in seinem Bargeld nach der kleinsten Münze wühlt.
Ich habe darum meine "Bettlermünzen" immer in der rechten Hosentasche. In der linken ist dann das richtige Geld. Ein Griff - und ich habe eine passende Spende.
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16. November 2012

Berlin: Frau Tete hat ein Auge auf mich

Vor uns wurmt sich eine lange Schlange quälend langsam vorwärts. Anscheinend wollen auch noch andere ins Neue Museum. Nebenan wird zurzeit grad die „James Simon-Galerie“ gebaut, so gibt es für mich wenigstens was zu schauen.
Wir wollen die Büste der Nofretete anschauen. Nicht nur, aber auch. Der Kopf begeistert mich schon lange. Mehr als dreitausend Jahre alt und fast komplett erhalten - bloss das linke Auge fehlt. Und etwas vom Ohr.

Vor genau hundert Jahren wurde die Büste der Königin Nofretete in Ägypten ausgegraben. James Simon hat damals die archäologischen Grabungen bezahlt und die Büste dann dem Freistaat Preussen geschenkt. Simon war Unternehmer, Kunstmäzen und ein Berliner.

Sein Grab liegt auf dem wildromantischen Jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee.

An der Spree gibt es seit kurzem sogar einen James-Simon-Park. Und gleich nebenan kennt der Peter eine wunderschöne Kneipe. „Verkehrs beruhigte Ost Zone“ nennt sie sich. Sie ist in einem alten Viaduktbogen der Berliner Stadtbahn beheimatet.
Wir genehmigen uns eine Berliner Weisse. Rot oder grün?

15. November 2012

Berlin: tanzen oder mampfen

Wie ein Sputnik schwebt eine Diskokugel über uns. Und von den Wänden hängt Lametta, herzallerliebst von bunten Neonröhren illuminiert. Peter hat uns in „Clärchens Ballhaus“ geführt. Das legendäre Tanzlokal gibt es schon seit über hundert Jahren. Und so sieht es dann auch aus. Als ob die Zeit vor längerem stehen geblieben sei. Und nach Renovations-Stau.

Clärchens Ballhaus ist berühmt für seine grandiosen Tanzveranstaltungen. Jetzt am späten Nachmittag sind wir aber die einzigen Gäste. Und wir sind nicht zum tanzen da, sondern zum essen.
So sitzen wir nun ganz alleine im angejahrten Saal, zwischen Tanzparkett und Tresen. Die Beleuchtung ist düster - romantisch oder defekt, ich weiss es nicht. Aber zum essen reicht es allemal.

Hausgemachte Bouletten auf Kartoffelsalat, dazu eine Fassbrause. Die Hacktätschli sind wunderbar fleischig. Aussen eine schöne Kruste, innen drin saftig und mürb. Und erst die Herdäpfel; wenig Sauce, wenig Säure, etwas Schnittlauch - tadellos!

Dann schleppt ein Mann eine elektrische Orgel auf die Bühne. Wohl Zeit zu gehen für uns. So kurz nach dem Essen möchte ich keinesfalls tanzen.

14. November 2012

Berlin: den Adolf tiefergelegt

Ob man will oder nicht, überall stolpern wir über Berlins Vergangenheit. Vor allem über die der DDR und des unrühmlichen Dritte Reiches.
Überall in Berlin stehen Einzelteile der DDR-Grenzmauer herum. Zerschundene Betonwinkel, meist beidseitig grellbunt bemalt. Beidseitig, obwohl damals damals ja gar nicht ging! Dieses hier steht am Leipziger Platz und zeigt ein Bild vom berühmten Thierry Noir.

Unweit vom Holocaust-Mahnmal liegt zwischen einigen Mietskasernen ein öder Parkplatz. Hier befanden sich vor siebzig Jahren das Machtzentrum der Nazis; die Reichskanzlei und der Führerbunker. Und hier verkroch sich gegen Ende des Krieges der Adolf H. Da heiratete er noch gschwind seine Eva - und schoss sich dann ein Loch in den Kopf.

Gleich hinter der Barriere wurden damals die beiden Leiche in aller Eile verscharrt. Das Tausendjährige Reich war zu Ende - nach bloss elf Jahren. Und der Krieg auch. Das hat sich der GröFaZ bestimmt ganz anders vorgestellt.

13. November 2012

Berlin: Mut und Tränen

Die DDR-Grenzmauer dichtete Westberlin rundherum komplett ab. Beton, Stacheldraht und unzählige Grenzer sorgten dafür, dass keine Genossen „rübermachten“. Ein Grenzübertritt war nur an einigen wenigen Orten erlaubt. Der vielleicht wichtigste war beim Bahnhof Friedrichstrasse.

Um den Ansturm der Ein- und Ausreisewilligen besser zu bewältigen, baute man in den frühen sechziger Jahren eine moderne Grenzabfertigungshalle. Ein lichter Pavillon für ein übles Regime. Und weil hier viele Abschieds- und Freudentränen flossen, nannte man ihn schon bald "Tränenpalast".

Heute ist darin ein Museum untergebracht. Etwas kitschig vielleicht, aber ein Exponat hat mir ganz besonders gut gefallen. Eine Ansichtskarte, die ein Stefan Ullmann 1985 nach seiner Flucht seinen in der DDR zurückgebliebenen Angehörigen schickte.

An der Friedrichstrasse steht auch das neue Asisi Panorama „Die Mauer“. Das riesige Rundgemälde ist erst seit wenigen Wochen geöffnet und zeigt einen Blick über die Mauer nach Ostberlin.
Ein Aufseher maulte, wir dürften hier drinnen keine Fotos machen. Der Künstler wolle seine Bilder ja verkaufen! «Schöne Grüsse an den Künstler, das mache ich genau so» sagt Peter und knipst munter weiter.

12. November 2012

Berlin: Grilletta, du hast mich enttäuscht

Da stand es schwarz auf weiss: «Grilletta. Frikadelle aus Schweinefleisch im Brötchen mit Salatauflage und würziger Sosse». Grilletta - jawohl – so eine will ich haben. Ein langgehegter Wunsch geht in Erfüllung! Grilletta; die Ikone der Ost-Küche.

Ich täte jetzt lügen, würde ich behaupten, dass die Grilletta mich zu Jubelgeschrei, Begeisterungssprüngen oder den spontanen Wunsch nach Kinder zeugen, verführt hätte. Gut - vielleicht sind das ja auch etwas zu hohe Erwartungen an einen Fleischklops. Aber! Was mir da serviert wurde, war ein furzgewöhnliches Hacktätschli. Farbe und Konsistenz ähnelte den flachgefahrenen Kröten am Strassenrand. Eingeklemmt in ein bleiches Brötchen mit rötlicher Schmiere, dazu etwas Begleitgrün.
Grilletta, du hast mich enttäuschst. Das nächste mal futtere ich wohl wieder eine Wurst.

10. November 2012

Reisetipp: Spuckerei

Der Reisetipp am Samstag: Auf dem Bus- oder sonstigen Bahnhof achte ich immer drauf, nicht zu nahe den Wagen entlang gehen. Denn in vielen Ländern kauen die Männer Tabak, oder Betelnuss. Und spucken deshalb dauern aus dem Fenster.
Eine feuchte Schleimspur warnt einem vor - zum Glück.
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9. November 2012

Berlin: Erleichterung für alle Pisser

Es heisst „Waidmannslust“ und ist ein Pissoir. Es besteht komplett aus Gusseisen und hat sieben Stehplätze mit einer vollautomatische Spülung. Und die Berliner nennen es liebevoll „Café Achteck“.

Bevor es diese öffentlichen Piss-Häuschen gab, seichte jeder einfach ins Gebüsch. Oder an die Hausmauern. Dementsprechend stank es in den Gassen. Im Kampf gegen diese Wildpinkler wurde um 1880 das „Waidmannslust“ entwickelt und weit über hundertmal aufgebaut. Fortan konnten sich die Berliner stilvoll erleichtern. Die Männer - denn die Frauen mussten sich weiterhin ins Gebüsch kauern.
Heute sind bloss noch eine Handvoll der klassizistischen Pisshäuschen erhalten geblieben. Ich besuchte eines am Senefelderplatz. Grad kürzlich frisch renoviert und rund um die Uhr geöffnet. Hier lässt sich sehr geschmackvoll brünzlen.

8. November 2012

Berlin: das Gewissen aus Stein

Überall trifft man auf Mahnmale. Manche stehen ganz verborgen in einem Aussenquartier, wiederum andere sind mitten im Stadtzentrum. Raumgreifend und monumental, meist etwas aufdringlich.

Jede Opferkategorie bekam ein eigenes Mahnmal: Es gibt solche für Juden, Zigeuner, Schwule, Kommunisten, Behinderte, Kranke, Kriegsgefangene, Freiheitskämpfer, Parlamentarier, Kriegsdienstverweigerer und Deserteure.

Der Star unter den Mahnmalen ist das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“. Ein riesiges Feld voller grauer Betonelemente. Sinnfrei, scharfkantig und manche leicht geneigt. Ich schlendere zwischen den Klötzen herum und lasse mich ermahnen. Als ich zum Himmel hinauf schaue, bilden die Stelen ein Kreuz. Sonderbar?

Jetzt, wo ich das Mahnmal durchschritten habe, bin ich mir sicher - ich ermorde auch künftig keine Juden.

7. November 2012

Berlin: überall Schlamm und rosa Röhren

Wo man in Berlin hinschaut, war mal etwas. Was da einst war, ist aber nicht mehr. Meist wurde es im letzten Krieg zerstört. Oder später vom Kommunismus oder dem Wirtschaftswunder. Und deswegen ist heute vielerorts gar nichts; oder etwas Unschönes. Oder eine Baugrube.

Ich mag die Baugruben. Ich stehe gerne am Absperrgitter und schaue zu den Arbeitern hinunter. Hier in Berlin sind die Baugruben nass; sehr, sehr nass. Schlammig und matschig. Manche Baugruben sind sogar randvoll mit Wasser, so dass Schiffen darin herumfahren. Andernorts tauchen Taucher in der trübe Baugrubensosse. Um dann die Baugruben trocken zu legen, pumpen Pumpen das Wasser in die Spree. Die rosaroten Druckleitungen wurmen sich durch die halbe Stadt.
Irgendwo hat jemand „Sperma-Pipeline“ drauf geschrieben - stimmt aber gar nicht! Öööhm - hoffe ich doch?

6. November 2012

Berlin: Marx und Engels verrückt worden

Karl Marx und Friedrich Engels haben einst den Sozialismus erfunden. Und sie haben ihn auch selber eifrig praktiziert - haben sich zeitlebens von anderen Leuten aushalten lassen. Dies war für die DDR Grund genug, den beiden ein Denkmal zu widmen.

Mit Unschuldsmienen blicken die beiden alten Philosophen stramm nach Osten. Überlebensgross. Marx sitzt und Engels steht. Wegen ihrer Kleidung wurden sie vom DDR-Volk auch wenig liebevoll „Sakko und Jacketti“ genannt. Seit 1986 standen die Bronzefiguren im Zentrum eines etwas öden Platzes, dem „Marx-Engels-Forum“.
Und nun das - letztes Jahr mussten die beiden der U-Bahn Baustelle weichen. Man verrückte sie in einen nahen Park. Da stehen sie nun und blicken jetzt stoisch nach Westen.

5. November 2012

Berlin: so isst Berlin

Mitten auf der Warschauer Brücke stehen zwei Buden. In der dunkelroten wird „Berliner Currywurst“ feilgehalten. Seit 1975, wie angeschrieben steht. Na also - da bin ich ja wohl goldrichtig.

Was mir der nette Fleischereiknecht reicht, ist so eine Berliner Currywurst. Ein Kartonschälchen mit einer mundgerecht gescheibelten Wurst, übergossen mit Tomatensauce und mit Currypulver bestreut. Als Werkzeug ein Dreispitz aus gelbem Plastik und eine Wischpapier für danach.

Wurstmässig ist Berlin immer noch eine geteilte Stadt. Im Osten ohne Darm, im Westen mit. Das vorliegende Exemplar ist ohne Darm und schmeckt wirklich gut. Lecker tut man hier sagen.

4. November 2012

Berlin: Rümschrümp im Hinterhof

Die „Hackeschen Höfe“ und die „Rosenhöfe“ sind von der Strasse aus gesehen furzgewöhnliche Stadthäuser. Modeboutiquen, Starbucks und noch mehr Modeläden. Geht man aber hinein, kommt man in eine ganz andere Welt. Acht wunderschöne Höfe mit Jugendstil-Fassaden. Schick herausgeputzt und nett aufgehübscht.

Etwas versteckt zwischen den schmucken Hackeschen und den Rosenhöfen ist noch ein weiterer Hof. Ein richtiger Hinterhof. Skurril vollgesprayt, rissig und herrlich schmuddelig. Die Gaststätten haben seltsame Namen; „Eschschloraque Rümschrümp“ und „Kaffeekaschemme“. Peter kennt hier eine Kunstgalerie, die „Galerie neurotitan“. Wir schauen uns die aktuelle Ausstellung an: we do voodoo!
In den finsteren Kellergewölben ist „das Monsterkabinett“ zuhause. Der Künstler Hannes Heiner hat hier ein absurdes Universum mit mechanischen Monstern geschaffen. Die liebenswerten Monster trommeln, tröten und manch eines schnappt nach den Besuchern. Schaurig schön.

Als ich mir ein Weissbier bestelle, fragt der Kellner: «grün oder rot?». Öööhm - rot. Ich bekomme ein Himbeersirup-Bier. In einer Blumenvase und mit einem Röhrli! Berlin...

3. November 2012

Reisetipp: bloss nicht auffallen

Der Reisetipp am Samstag: Am sichersten reist man unsichtbar. Keine knallfarbige T-Shirts mit „fuck me“ oder "sexy Barbie Man" Aufdruck.Auch keine ultrakurzen Hosen oder affigen Frisuren. Und bitte auch keine patriotische Landesflagge an den Rucksack hängen. Sonst darfst du dich nicht wundern, wenn du von jedem Krämer angequatscht wirst.
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2. November 2012

Berlin: zeitlos am Alexanderplatz

Mitte Nachmittag geht unser Flieger in Tegel nieder. Ein paar Schritte und eine Busfahrt später stehen wir am Alexanderplatz. Früher war der Alexanderplatz gross und hässlich. In den 90-er Jahren wurde er komplett neu gestaltet. Jetzt ist er kleiner.

Die Urania-Weltzeituhr glänzt mit vergoldeten Stundenzahlen. Diese drehen sich hinter den 24 Zeitzonen mit den Städtenamen. Eigentlich eine schöne Idee; bloss gibt es weltweit deutlich mehr als 24 Zeitzonen. So mussten halt einige Städte mit Korrektur-Zeiten versehen werden. Zudem kann die Sache mit der Sommerzeit auch nicht berücksichtigt werden. Jedenfalls zeigte die Uhr heute die falsche Zeit an.
Das eigentliche Uhrwerk befindet sich übrigens in einem kleinen Keller unter dem Alexanderplatz. Ein Elektromotor aus DDR-Zeiten, der läuft und läuft...

1. November 2012

80 Stunden in Berlin

Jetzt sind wir grad zurück aus Berlin. Wir waren ein paar Tage da; Peter zeigte uns die Stadt. Paläste und Kneipen. Historisches und ganz Modernes. Goldene Statuen und verpisste Hinterhöfe.

Berlin ist gross, laut, flach, neu gebaut, spannend und unsäglich hässlich. Und wunderschön. Leider hatten wir bloss achtzig Stunden Zeit. Unser Besuch war daher etwas zu hektisch und wir verpassten viele Kleinigkeiten am Strassenrand. Aber wir werden bestimmt wieder einmal hinfahren.
Ich werde in den nächsten Tagen das eine oder andere über Berlin berichten. Mal schauen was daraus wird...