31. Dezember 2012

Ohrenbohnen und ein neues Jahr

Der grossen Musiker und Poeten Gus Backus wurde mit Werken wie „Bohnen in die Ohr’n“ weltberühmt. Unvergesslich sind bestimmt auch „An dem Baume da hängt 'ne Pflaume“ und „Mein Schimmel wartet im Himmel“.

«Wenn doch jede Woche mal der Erste wär'». Mit diesen eindrücklichen Worten möchte ich das alte Jahr abschliessen und das neue begrüssen. In diesem Sinne; ich wünsche euch allen ein anregendes neues Jahr.

30. Dezember 2012

Pest ist auch keine Lösung

Test
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test-test-teeeeeest
Teeest- test-test-test-test – öööhm - test-test-testtest?
test-test-test-test-Testikel
Justin Bieber-test-test-test-Hundemetzgerei
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Test-test
test
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29. Dezember 2012

Algerien: schön war's und keiner hat gekotzt

aus meinem Tagebuch: Teil 18
Freitag 26.4 96. Um 7 Uhr sind wir bereits vor dem grossen Tor zum Hafen. Es sind erfreulich wenig andere Fahrzeuge an, so dass die Formalitäten zügig erledigt sind. Wir verladen alle Töff in den Bus, so sparen wir mächtig Gebühren. Mit fünf Leuten, drei Töff und dem ganzen Gepäck im Bus ist es darin richtig kuschelig.
Bereits um halb neun sind wir an Bord der „Habib“. Das ist die alte CTN-Fähre, schon etwas abgenutzt und schmuddelig. Mein Bus steht ganz vorne beim Tor. Das ist sehr gut, dann sind wir in Genua schnell draussen.
Wir treffen einige alte Bekannte, darunter auch ein paar auffallend blöde. Den ganzen Tag verbringen wir mit Schlafen, Essen und Plaudern. Das Wetter ist schön und die Fahrt ruhig. Keiner muss kotzen.

Samstag 27. April 96. Wir feiern ein Jubiläum. Andi hat sich heute zum ersten mal beim Rasieren nicht geschnitten – behauptet er.
Um 12 Uhr landet die „Habib“ in Genua; pünktlich! Der Papierkram geht dank meinen persönlichen Kontakten zu den Behörden sehr schnell. So sind wir schon um 12.30 Uhr draussen. Noch gschwind die zwei Töff ausladen und ein Salami-Panini futtern. Und los geht’s. 410 Kilometer Autobahn bis nachhause. Um 19 Uhr trennen wir uns auf der Gotthardraststätte. Kurz vor acht bin ich zuhause. Auf den letzten Kilometern verliere ich doch tatsächlich noch den Öldeckel vom Motor.

... das war eine schöne Reise - da fahren wir wieder mal hin.

28. Dezember 2012

Tunesien: der Düsseldorfer ist nicht ganz dicht

aus meinem Tagebuch: Teil 17
Mittwoch 24 April 96. Schlechtes Wetter! Bewölkt und ein kalter Wind. Zum Frühstück gibt es, wie seit Jahren, Quittenkonfitüre und dürres Brot. Dazu schwarzen Kaffee mit zuviel Zucker.
Wir machen eine Besichtigungstour durch Kairouan. Zuerst die „Barbiermoschee“, die Aghlabiden-Wasserbecken, dann die Grosse Mosche. Dann einige Paläste in der Altstadt und zum Schluss noch verschiedene Märkte. Die Grosse Moschee wird von Bustouristen bestürmt. Sie drängeln und schupsen, als ob es kein Morgen gäbe. Andere wiederum laufen wie Hühner ihrem Führer hinterher.
Den verbleibenden Tag verbringe ich mit ausgiebigem Nichtstun. Essen und plaudern. Geniessen. Im „magasin general“ hinter unserem Hotel kaufe ich noch einige Packungen Schaf-Suppe. Leider ist die bekannt rote Suppe ausverkauft.
Zum Sonnenuntergang steigen wir auf die Dachterrasse vom Hotel. Eine Muezzin nach dem anderen beginnt mit seinem Abendgebet. Aus allen Richtungen erschallen die Gebete und vereinen sich bei uns zu einer Kakophonie. Als es wieder ruhig ist, beginnen Tausende von Vögeln zu zwitschern, um sich dann im Geäst zum Schlafen niederzulassen.
Auf dem Heimweg vom Nachtessen treffen wir noch den „Düsseldorfer“. Ein älterer Tunesier, der immer von seiner Zeit damals in Düsseldorf erzählt, aber wohl einen an der Waffel hat. Ich zahle ihm ein Tee und etwas zu Essen; er kann es gebrauchen.

25. April 96. Unsere Gruppe ist gewachsen, mittlerweile sind wir zehn Personen. Einige Motorradfahrer, die wir von früher kennen, haben sich uns angeschlossen. Über Enfidaville fahren wir nach Tunis, mitten ins Zentrum hinein. Zu „meinem“ Parkplatz direkt vor der britischen Botschaft ist frei. Der Pförtner bekommt einen Obolus und so stehen der Bus im Halteverbot und die Töff auf dem Trottoir. Und unter dem Schutz Grossbritaniens.
Die Medina, die historische Altstadt, ist auch diesmal einen Besuch wert. Die Händler sitzen vor ihren Geschäften und ärgern die Touristengruppen. Ich brauche eine neue Mütze; probiere die eine oder andere, aber keine gefällt mir.
Zum Sonnenuntergang fahren wir nach Sidi Bou Said. Trotz mässig schönem Wetter ist das Städtchen wunderschön. Weisse Häuser mit schmiedeisernen Erkern und hellblauen Türen. Wir sitzen uns in das „Café des Nates“ und schlürfen Tee. Gegen Abend beginnt es zu regnen. Ausgerechnet heute, an unserem letzten Abend in Afrika. Eigentlich wollten wir in der Nähe direkt am Strand übernachten, bei dem Regen macht das aber wenig Spass. Also fahren wir nach La Goulette und übernachten bei der neuen Sporthalle. Eigentlich dürften wir drinnen schlafen, aber das Dach ist undicht und es regnet durch. Unter einem Vordach finden wir dann einen trockenen Schlafplatz.

Morgen geht es weiter, und wir tun schiffen.

27. Dezember 2012

Tunesien: eine ganz süsse Zuckerschnecke

aus meinem Tagebuch: Teil 16
Montag 22. April 96. Gemeinsam mit einigen Mopeds aus Hamburg fahren wir heimwärts. Doch wie so oft, passiert auf dem letzten Pistenkilometer ein Missgeschick. Diesmal trifft es Andi. Ein Stein schlägt ein Loch in den Motorblock seiner Kawasaki. Da wo das Öl herausläuft kann man nun tief hinein gucken; gar nicht gut! Also verstauen wir den Andi und seinen Töff bei uns im Bus.
Nach wenigen Kilometern auf dem Beifahrersitz beginnt Andi von diffusen Ängsten zu jammern. Nach seiner Meinung hängen diese direkt mit der Pistenfahrt zusammen. Und mit meiner, seiner Ansicht nach, zügigen Fahrweise. Dabei ist es im Bus am ruhigsten, wenn alle vier Räder in der Luft sind. Kopfschüttel.
Wir nächtigen in einem Hotel in Gabés.

Dienstag 23. April 96. Gegen Mittag fahren wir weiter nach Kairouan, auf der direkten Route durchs Innenland. Nur Olivenbäume und Kakteen. Laaangweilig.
In Kairouan beziehen wir wie immer Zimmer im Hotel „Tunisia“. Ein erfreutes „Hallo“, wir kennen uns seit Jahren. Spaziergang durch den Souk, den alten Markt. Leo kauft sich ein Trommel. Toll - beim Didgeridoo tröten hat er ja bisher seine Hände frei, da kann er ja auch gut noch etwas trommeln.
In der Nähe vom Bir Barouta futtern wir „Brik au Thon“. Das sind frittierte Teigtaschen mit köstlichem Inhalt. Und hier gibt es die besten weltweit. Der Bir Barouta ist ein Brunnenhaus. Im ersten Stock oben läuft ein Kamel im Kreis herum und treibt so den Pump-Mechanismus an. Das Kamel und sein Chauffeur haben sich für die Besucher extra herausgeputzt. Beide tragen einen Hut mit bunten Fransen. Im Nebenraum gurgeln wir eine Schischa, eine Wasserpfeife.
Am Abend sitzen wir im Cafe „Sabra“ beim Stadttor und schauen den Leuten zu. Hier treffen wir doch tatsächlich wieder unseren grossmäuligen Schweizer von neulich. Und er wohnt sogar im gleichen Hotel wie wir; ja hurrrra.
Wie jedesmal in Kairouan, gehe ich am Abend in "meine" Konditorei gleich hinter unserem Hotel. Hier gibt es zuckersüsse Naschereien. Und eine ebensolche Bedienerin. Immer wenn sie mir das Rückgeld gibt, krault sie mir die Handfläche und lächelt scheu. So schööön …

Morgen geht es weiter, und vielleicht gibt es noch mehr Frauengeschichten.

26. Dezember 2012

Tunesien: sandbaden und Touri gucken

es geht weiter ...
aus meinem Tagebuch: Teil 15
Samstag 20. April 96. Den ganzen Tag mache ich buchstäblich nichts. Erst am späten Nachmittag versuche ich das Schloss an der Hecktüre zu flicken. Die Tür lässt sich zwar schliessen, dann aber nur noch von Innen öffnen! Der Mechanismus hat sich zerlegt. In einem Gebüsch kann ich eine Sandfisch fangen. Das ist so ein Reptil, das aussieht wie eine Bratwurst mit Beinen. Scheu und nur ganz selten zu sehen.
Ich koche Reissalat zum Znacht. Das Essen hat aber einen eigenartigen Nachgeschmack. Wir suchen lange nach dem Grund, bis wir entdecken, dass unserem Trinkwasser mit Diesel verschmutzt ist. Heute ist küssen schlecht.
Am Abend hocken wir mit ein paar Deutschen zusammen und plaudern. Ich mache einige Liter Schoggi-Creme mit Birnen zum Dessert. Diesmal ohne Dieselgeschmack.

Sonntag 21. April 96. Dank einer Matratze, die ich in einem fremden Zelt ausgeliehenen habe, schlief ich wunderbar und ohne Rückenschmerzen. Dafür habe ich jetzt Kopfweh. Ob es am gestrigen Diesel-Essen liegt?
Am Nachmittag treffen wir einen Schweizer. Einen von der ganz primitiven Sorte. Er erzählt unglaubliche Schauergeschichten von seinen Heldentaten in Afrika. Original Zitat: «Wenn man einen Neger umfährt, bekommt man bloss eine Busse»!
Eigentlich wollte ich heute ein Brot backen, lasse es dann aber bleiben, weil ich zu faul bin. Und es ist schliesslich Sonntag.

Morgen geht es weiter, und um ein Loch.

25. Dezember 2012

kunterbuntes Bundeshaus

Wie auch schon im letzten Jahr erstrahlt diesen Winter das Bundeshaus allabendlich in regenbogenbunten Lichterglanz. Kürzlich waren wir grad zufällig in Bern und schauten uns das Spektakel an. Zusammen mit mehreren Milliarden anderer Besucher. Ein Gedrücke und Gedränge sondergleichen.

Mit „Feste & Zeit“ erfreuen die französischen Lichtkünstler „Spectaculaires“ das Publikum. Zwanzig Minuten Bilderrausch und liebliche Musik. In der Vorweihnachtszeit ist so was schön, sonst wäre mir das eindeutig zu kitschig.
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24. Dezember 2012

einarmiger Jesus am Gebälk

Wie auch schon die letzten Jahre, möchte ich auch heuer wieder zu Weihnachten ein aussergewöhnliches Kunstwerk präsentieren. Diesmal ein barockes Kruzifix aus der Möslikapelle in Kerns. Hier hauste einst der Bruder Ulrich, ein Kumpel vom Bruder Klaus; unserem Nationalheiligen, Niklaus von Flüe (1417-87).

Auf den ersten Blick sieht alles aus wie gewohnt. Christus ans Gebälk genagelt, daneben Maria und Magdalena in festlichem Gewand und traurigem Gesicht. Was mir hier aber so gut gefällt ist der gekreuzigte Jesus. Er grüsst ganz cool seine trauernde Mutter. Fast meint man ihn rufen zu hören: «guck mal, ich bin hier oooben. Die Römer haben mich hingetackert, aber ich kann noch einhändig».
Ist doch irgendwie tröstlich.

Ich wünsche euch - öööhm - wunderschöne Weihnachten.

23. Dezember 2012

Tunesien: abgestempelt und warm gebadet

aus meinem Tagebuch: Teil 14
Freitag 19. April 96. Nach dem Morgenessen bekommen wir Besuch von einem Militär-Unimog. Er kommt extra einige Kilometer querfeldein, um unsere „Legitimation“ zu kontrollieren. Dabei dachten wir gestern noch, uns würde hier zwischen den Dünen keiner sehen!

Wir bleiben bis gegen Mittag hier. Andi besteigt mit dem Töff die höchste Düne. Weiter nordwärts. Erst ist die Piste gut und schnell. Dann sind es bloss noch holprige Spuren. Fast 80 Kilometer geht es so. Barchane-Felder und Kieshügel, dann wieder weite Ebenen mit Grasbüscheln. Etwa 55 Kilometer südlich von Ksar Ghilane verlassen wir das Sperrgebiet und donnern auf der Pipelinepiste nach Norden. Gegen Abend erreichen wir da.
Leo aber nicht. In einem stinkigen Tuaregzelt finden wir dann aber seinen Rucksack, also hat er es doch hierher geschafft. Als wir unser Lager eingerichtet haben, kommt er dann auch tatsächlich angehumpelt. Er ist erstaunt, uns zu sehen, er hat uns erst am Sonntag erwartet!
Am Abend essen wir auswärts: Hier gibt es nämlich ein "Restaurant" für die Badetouristen auf „Sahara-Expedition“. Ich essen auf jeder Reise einmal hier. Nicht weil es so gut ist, sondern um mich beliebt zu machen. Man weiss ja nie, ob man später einmal auf die Leute angewiesen ist. Es gibt wie jedesmal orange Suppe und lederige Spaghetti. Im Hintergrund findet derweilen die obligate tunesische „Feuerschau“ statt. Als dann der Volkstanz beginnt, gehe ich schlafen.
In einer Woche fährt unser Schiff … 

Wegen der Weihnachtereien gibts es morgen eine besinnlichen Beitrag. Hier geht es erst am Mittwoch weiter, dann aber schon.

22. Dezember 2012

Tunesien: der Klumpfuss und ein dickes Kamel

aus meinem Tagebuch: Teil 13
Mittwoch 17. April 96. Leo kann mit seinem Klumpfuss nicht laufen und willl deshalb einige Tage ausruhen. Andi und Gü bringen ihn nach Chenini, wo er versuchen will, zurück nach Ksar Ghilane zu kommen. Und dort auf uns und die Heilung warten.
Derweilen fahren Philippe und ich zum Gouverneur die Bewilligung abholen. Pünktlich um 10 Uhr sind wir da. Man werde sich unserem Anliegen gleich annehmen, meint der Beamte von gestern. Die Papiere seien parat, es fehle bloss noch die Unterschrift - meint er gut eine Stunde später. Wir sollten doch noch einen Moment warten. Dann, um 12.30 Uhr bekommen wir tatsächlich das Papiere ausgehändigt; mehrfach gestempelt und unterschrieben vom Gouverneur.
Am Nachmittag fahren wir nach Remada, um die Papiere von den dortigen Militärbehörden beglaubigen zu lassen. Obwohl die Bewilligung erst morgen gültig ist, stempelt man uns frei. Gegen 17 Uhr fahren wir bei Kambout ins Sperrgebiet hinein. Viel Landschaft. Tafelberge. Wir übernachten oben auf einem Plateau mit toller Fernsicht.

Donnerstag 18. April 96. Die ganze Nacht tobte ein starker und kühler Wind. Gut, ich schlafe ja im Bus, aber die Töffler draussen im Zelt.
Zeitig fahren wir los. Die Piste ist gut. Am Horizont begleiten uns Berge, die Landschaft sieht recht hübsch aus, obwohl alles mit diesen kleinen Büschen bewachsen ist. Mitten auf der Piste erfreut uns ein aufgedunsener Kamelkadaver. Er riecht übel. Dennoch versuchen gewisse Mitreisende, das Kamel platzen zu lassen  Es klappt nicht - zum Glück! Wobei - ich hätt es gerne mit dem Didjiridoo versucht zu entlüften, aber das hat der Leo mit sich genommen! Leider ...
Wir kommen weiterhin flott voran. Vor El Borma erreichen wir die ersten richtigen Dünen. Wunderschön hier, wie in Algerien! Dann kommen wir an einen Kontrollposten. Man will unsere „Autorisation“ sehen, denn hier beginnt das Erdölgebiet. Und dafür gibt es extra Kontrollen. Einen Kilometer weiter müssen wir an einem Polizeiposten unsere Pässe deponieren, dafür dürfen wir uns in El Borma frei bewegen. Das Gebiet ist riesig und weit nach Algerien hinein. Überall Pipelines, Fördertürme, Pumpstationen, Stromleitungen und Abfälle. Es ist seltsam hier. Wir verlassen El Borma wieder, etwas enttäuscht und ernüchtert.
Dafür finden wir einen schönen Übernachtungsplatz, versteckt zwischen den Dünen. Ein traumhafter Abend. Rund um uns herum nur Sand.

Morgen geht es weiter, und noch mehr in den Sand.

21. Dezember 2012

Tunesien: kalte Zimmer, warme Liebe

aus meinem Tagebuch: Teil 12
Sonntag 14. April 96. Wie üblich in Ksar Ghilane, hängen wir den ganzen Tag herum. Liegen unter den Palmen im Schatten, baden im warmen Tümpel und lümmeln im Café herum.
Die Sache mit dem „Touareg“ und der ausgeliehenen KTM spitzt sich zu. Die Gendarmerie ist da, denn ihm ist es verboten, mit ausländische Fahrzeuge zu fahren.
Vier Töfffahrer wollen heute Nachmittag zum Tanken gschwind nach Douz fahren. Die direkte Strecke, quer über die Dünen. Und sie wollen gegen Abend zurück sein. Um 22 Uhr kommen zwei zurück. Die beiden anderen sind in Douz geblieben, die Töff geschrottet.

Montag 15. April 96. Es ist stürmisch. Überall Sand. In den Ohren, Augen, Mund. An meinem Mercedes ist vorne ein Federauge ausgeschlagen; klappert schon länger. Ich quetsche ein Stück Gummi in die Lücke. Für den Moment hilft es, wird aber wohl nicht lange halten.
Den restlichen Tag sitzen wir am und im Teich und plaudern. Und warten auf besseres Wetter. Leo tritt sich eine Splitter in den Fuss. Sonst passiert nicht viel.

Dienstag 16. April 96. Es ist kalt und es fallen ein paar Regentropfen. Es ist Zeit zu gehen. Am Leclerc-Denkmal nehmen wir die Piste nach Osten. Dann auf der Pipelinepiste einige Kilometer nach Süden und dann weiter nach Osten auf der Chenini-Piste. Sie ist rauh und löcherig. Manchmal holpere ich im Schrittempo dahin. Auf die Besichtigung des pittoresken Chenini verzichten wir diesmal. Es wimmelt von Tagestouristen, die von den Strandhotels hierhin gekarrt werden.
In Tatouine fahren wir mit Leo erst mal zu einem Arzt. Sein Fuss ist entzündet und tut höllisch weh. Er kann nicht mehr drauf stehen und es sieht nach einer schönen Blutvergiftung aus. Der Arzt verschreibt ordentlich Medikamente, kann aber weiter nichts tun, solange der Fuss so stark geschwollen ist.
Wir hausen im Hotel „Gazelle“. Über dem Eingang hängt ein neues Schild mit dem sinnigen Text: «Saharienne Ksür. Kalte Zimmer, warme Liebe»!
Jetzt wo wir schon mal in Tatouine sind, könnten wir doch versuchen, die Bewilligung für das südliche Sperrgebiet zu bekommen. Dieser Teil von Tunesien ist nämlich nur mit einer behördlichen Bewilligung zugänglich. Wir fahren ins Gouvernement. Das ist etwa sieben Kilometer ausserhalb. Ein schäbiger Betonwürfel mit Zaun rundum, als ob hier jemand etwas klauen würde! Ein Büroknecht gibt uns einen Norm-Antragsbrief, den wir ab- und unterschreiben sollen. Und ein fünfseitiges Formular zum ausfüllen. Wir machen wie befohlen. Und er meint, morgen um 10 Uhr können wir die Bewilligung abholen kommen. Wir sind verblüfft, wie einfach und freundlich das geht.

Morgen geht es weiter, mit einem sehr korpulenten Kamel.

20. Dezember 2012

Tunesien: unter die Dünen tauchen

aus meinem Tagebuch: Teil 11
Freitag 12. April 96. Gegen Mittag brechen wir auf und fahren an den Chott el Jerid. Der Salzsee glitzert weiss, Salz so weit man sieht. Und es ist heiss. Die Luft flimmert. Wir trödeln herum. Die Töfffahrer nutzen die Salzfläche für Kapriolen und fahrerische Rekordversuche. In Douz ist wegen der nachmittäglichen Hitze alles zu.
Wir fahren darum direkt weiter zum Bir el Hadj Brahim, einem Brunnen im Süden. Hier in der Einsamkeit schlagen wir unser Nachtlager auf. Heute gibt es gebratenen Truthahn und Gemüse. Als Dessert Vanille-Creme mit Pfirsichen. Und nachher experimentieren wir mit einem leeren Fass, reichlich Benzin und Streichhölzern. Dabei gehen mir einige Augenbrauen verlustig. Wir würden gerne auch Versuche mit Leos Didgeridoo machen, täte bestimmt schön brennen.

Samstag. 13. April 96. Einige Spuren führen hinüber zum Jebil, einem Hügelzug mitten in den Dünen. Sanddünen und Plateauberge, fast wie in Algerien! Die Hügel sind dicht mit blauen Blumen bewachsen, die riechen ganz intensiv nach Shampoo. Auch Cistanche gedeihen hier.
Von hier sind es etwas mehr als 80 Kilometer hinüber zum Bir Soltane. Andi und Gü nehmen die Abkürzung quer über die Sanddünen und fahren direkt nach Ksar Ghilane. Wir kommen gut voran. Dann versperren uns immer öfter kleine, pluderweiche Dünen unsern Weg. Einmal stürzt Philippe. Man könnte fast meinen, er wolle unter der Düne durchtauchen.
Mitten im Nichts steht ein Mann. Er wolle auch nach Bir Soltane; zufuss! Ich nehme ihn mit. Er riecht streng, sehr streng. Irgendwo im Nichts steigt er wieder aus und marschiert schnurstracks quer in die Landschaft hinaus. Ich muss lüften.
Gegen 17 Uhr kommen wir nach Bir Soltane. Was sich nach einem Dorf anhört, ist in Wirklichkeit bloss eine Hütte mit einem Schilfdach; das legendäre „Café Bir Soltane“. Wir kehren kurz ein und begrüssen unsere alten Bekannten. Dann geht es mit gut 100 km/h über die Schotterpiste hinunter nach Ksar Ghilane; viele Dattelpalmen und ein Teich mit warmem Thermalwasser. Früher ein traumhaft schöner Ort, heutzutage aber von zahlreichen Ausflugstouristen heimgesucht.
Andi und Gü sind schon lange da. Sie sind vom Jebil direkt hier hin gefahren; etwa 50 Kilometer nichts als Sand! Ich treffe einige Reisende, die ich von früher kenne. Peter aus Deutschland hat sich ein paar Rippen gebrochen. Und auch unser tunesischer Freund, der „Touarag“, hat sich die Flosse gebrochen. Er ist mit einer ausgeliehen KTM gestürzt, ganz ungeschickt!

Morgen geht es weiter, ausser der Weltuntergang findet statt; dann erst übermorgen.

19. Dezember 2012

Tunesien: wir tun Luftschlangen fangen

aus meinem Tagebuch: Teil 10
Mittwoch 10. April 96.
In zwei Wochen fährt unser Schiff, also geniessen wir halt die verbleibende Zeit und Tunesien. Wir bummeln erst einmal durch Tozeur. Grosser Einkauf und ausgiebiges im-Café-sitzen. Gegen Mittag fahren wir nach Chebika, besichtigen die Schlucht und das verfallene Dorf. Dann über den Pass zum „grossen“ Wasserfall. Hier ist ein Stelldichein eines Döschwo-Klubs. Bunte und skurrile Fahrzeuge und ebensolche Fahrer.
In Tamerza gehe ich mit Leo Fossilen und Drusen suchen. Wir klopfen Steine und graben Löcher im Geröll, finden aber wenig. Auf dem Rückweg sehe ich eine riesige Heuschrecke mit roten Beinen und gelb-schwarzen Flügeln. Die sonst kahlen Hügel um Tamerza sind jetzt mit dichtem Gras bewachsen. Es scheint geregnet zu haben.
Am Abend treffen wir zwei spinnige Franzosen. Er ist ein netter Typ, sie ein Idiot. Sie schimpft andauernd wie ein Rohrspatz.

Donnerstag 11. April 96. Bereits vor neun Uhr verlassen wir Tamerza. Über Redeyef und Mulares fahren wir gegen Metlaoui. Kurz vor den Bergen nehmen wir die Piste, rechts ins Bergwerk hinein und weiter bis nach Selja Gare. Ab hier spazieren wir den Bahngeleisen entlang in die Schlucht hinein. Senkrechte Felswände und dann der erste Tunnel. Wir gehen beherzt hinein, mitten auf den Geleisen. Stockfinster. Dann über eine Brücke und gleich wieder in einen Tunnel. Mittendrin kommt uns ein Zug entgegen. Wir pressen uns ganz flach an den Fels; so dass der Platz für alle reicht.
Die Schlucht weitet sich etwas und ist grandios. Leo sieht, wie eine Schlange in einem alten Stahlrohr verschindet. Wir halten schnell beide Rohrenden zu. Mit einem Zweig versuchen wir das gefangene Tier heraus zu grübeln, um es genauer anzuschauen. Aber nix - das Rohr ist leer. Vermutlich eine Luftschlange. Dafür sehen ich später einen beachtlich grossen Skorpion - genau zwischen meinen Sandalen. Wäre fast drauf getreten.
Um drei Uhr sind wir zurück bei unseren Fahrzeugen. Wir rollen nach Metlaoui, wir heimsuchen die örtliche Konditorei und ergänzen unseren Zuckerhaushalt mit bunten Cremeschnitten. Zum Übernachten fahren wir ans Südende der Selja-Schlucht. Hier machen wir ein grosses Lagerfeuer und plaudern bis tief in die laue Nacht. Heute keine Mücken.

Morgen geht es weiter, mit Dünentauchen und so.

18. Dezember 2012

Algerien: Geld stinkt nicht - behauptet man

aus meinem Tagebuch: Teil 9
Dienstag 9. April 96. Am Vormittag fahren wir aus Touggourt raus, aber nicht ohne nochmal die obligate Strassensperre zu geniessen. Die Landschaft ist schön, doch das Wetter verschlechtert sich. Kurz vor El Oued fallen sogar Regentropfen. Am Stadtrand wieder eine Strassensperre. Die Töffahrer müssen ihre Helme abnehmen und ihr wahres Gesicht zeigen.
Ich gehe in die „Nationalbank“ um etwas Geld zu wechseln. Üblicherweise ein einfaches Unterfangen. Gleich am Eingang wird mein Pass einbehalten und man schickt mich zum Schalter „1“. Der Beamte verlangt als erstes meinen Pass. Kurzes Geschrei und der Pförtner bringt ihn her. Irgendein Bürolist blättert gelangweilt darin herum. Ich frage ihn, ob es damit ein Problem gäbe. Darauf verlässt er zornig seinen Arbeitsplatz. Ich warte. Ab und zu kommt einer, blättert in meinem Pass oder sieht sich meine Devisendeklaration an. Oder meine 50 Franken, die ich gerne wechseln möchte. Dann kommt der Ober-Beamte. Er blättert in meinem Pass. Bestaunt meine 50-Franken-Note, dann beginnt er umständlich meine Devisendeklaration auszufüllen. Dann bemerkt er, dass er so einen 50-Franken Geldschein noch gesehen hat. Zu zweit suchen sie daraufhin den Katalog mit den Abbildungen ausländischer Währungen. Dabei kippt das Regal. Nun beginnt die Sucherei im gefunden Katalog. Blättern, vergleichen, staunen und weiter blättern. Ein Reka-Check; das könnte es sein – nein, doch nicht! Dann kommt einer mit einem Briefumschlag mit Nachtragsblättern zum Katalog. Aber auch da ist nichts dabei. Immer wieder betrachten sie meine Geldschein. UV- Licht. Irgendwann kapitulieren sie. Vor allem, weil inzwischen schon alle Formulare ausgefüllt sind. Ich bekomme 4‘408 Dinar. Ich betrachte die Dinar-Geldscheine ausgiebig, knittere sie zwischen den Fingern und halte sie gegen das Licht. Meine Prüfung bringt die Bankbeamten dermassen in Rage, dass sie mir die 8 Dinar in winzigkleinen Münzen auszahlen!

Das Geld verfressen wir sogleich in der nächsten Gaststätte, um dann zur Grenze fahren. Nach gut zweieinhalb Stunden haben wir die Formalitäten hinter uns gebracht. Am Abend sind wir zurück in Tunesien. Wir übernachten am Rande der Palmgärten hinter Tozeur. Noch lange sitzen wir im fahlen Licht einer Kerze und besprechen unsere sieben Tage in Algerien. Unsere Tour ist irgendwie anders verlaufen, wie geplant!

Morgen geht es weiter, und in die Wüste zum Schlangen fangen.
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17. Dezember 2012

Algerien: weicher Sand und weiche Birnen

aus meinem Tagebuch: Teil 8
Montag 8. April 96.
Schon wieder bläst der Wind. Heute ist es kühler und am Himmel hat es Wolken. Wir nodern etwas herum. Jeder werkelt für sich. Leo hockt in den Dünen und plärrt mit seinem Didgeri-Dingsbums. Ich fülle derweilen Benzin um. Dabei passiert ein kleines Hopperla und ich saue mich und den Bus komplett ein.
Wir fahren weiter nach Westen. Keine Piste, nicht einmal Spuren. Dafür wird das Gelände immer weicher und ruppiger. Etwa einen Meter niedrige, dafür aber puderige Sandhügel und unzählige Grasbüschel stehen im Weg. Für die Töffahrer ist das keine grosse Sache. Mit meinen dreieinhalb Tonnen Lebendgewicht ist das aber nicht so einfach. Vor allem nicht schnell. Noch sind es bestimmt 30 Kilometer bis zur Strasse. Also hoppeln wir weiter. Zum Glück treffen wir schon bald auf eine kleine Piste. Die führt genau in die richtige Richtung. Und so brausen wir mit beachtlicher Geschwindigkeit nach Touggourt.

Wir hausen im Hotel „Oasis“, nicht teuer, aber auch nicht gut. Man renoviert gerade. Überall schmieren und salben Maler Farbe an die Wände, und Elektriker nageln Stromleitungen an die Decken. Wird bestimmt ganz hübsch, wenn es dann fertig ist!
Vor dem Eingang werden wir von zwei Polizisten angesprochen. Wir kennen das ja nun schon zu genüge und drum ignorieren wir sie einfach. Irgendwann verleidet es ihnen und sie schleichen davon.
Andi wird von einer etwas überreifen, aber gigrigen Hotelgästin bezirzt. Sie wirft sich richtiggehend in Pose, aber Andi bleibt kühl. Wir motivieren ihn, doch er will nicht - ums verrecken nicht.

Morgen geht es hier weiter, mit und ohne Schlangen.

16. Dezember 2012

Algerien: der Osterhase trägt Socken

aus meinem Tagebuch: Teil 7
Ostern, 7. April 96. Wir geniessen ein umfangreiches Frühstück, diesmal ohne Wind. Um uns herum wunderschöne Dünenlandschaften. Wir fahren weiter. El Alia ist wie ausgestorben, bloss ein paar Lümmel rennen uns hinterher, sonst scheint niemand da zu sein. Etwas westlich vom Dorf gibt es einen kleinen See mitten im Nichts. Und da fahren wir jetzt hin, ein Bad tut uns bestimmt gut. Das Wasser erweist sich aber als arg frostig, wir baden trotzdem.
Mit zwei Socken auf meinem Kopf und einer Visitenkarte unter der Oberlippe schauspielere ich ein Oster-Rätsel. Gefragt ist ein „saisonales Tier“?
Gemeinsam mit dem Rätsel-Gewinner futtern wir nachher einige Tüte farbiger Zucker-Eier. Nach unserem Badeplausch fahren wir noch ein Stück weiter nordwärts bis Chegguet. Gleich bei der Moschee nach rechts und dann genau gegen Westen, quer über die Dünen. Genau sowas gefällt uns.

Morgen geht es weiter, vollständig bekleidet. 

15. Dezember 2012

Algerien: die Sahara hat geschlossen

aus meinem Tagebuch: Teil 6
Ostern 6. April 96.
Diese Nacht blies der Wind durchgehen. Wir sind ganz eingetrocknet, wie Dörrzwetschgen. Ich lasse meinen Drachen steigen. Die Schnüre sirren im kräftigen Wind. Leo pfurrt mit seinem Didgeridoo. Die Töfffahrer fahren irgendwo in den Dünen Töff .
Wir fahren immer am westlichen Rand der Sanddünen entlang. Ab und zu fahren wir ins Dünenfeld hinein, scheitern aber meist nach einem halben Kilometer wegen des weichen Sandes. Die Dünen drücken unseren Kurs zunehmend nach Westen. Wir sollten aber nach Nordosten; das hat uns auch der Pistolenpolizist geraten.
Am Nachmittag sehen wir am Horizont ein Dorf; El Bour. Wir fahren hin. Ab hier gibt es eine Teerstrasse zurück nach Ouargla. Also fahren wir einkaufen. Gestern konnten wir nicht; am Freitag ist hier Sonntag! Wir setzen uns ins selbe Cafe wie gestern. Diesmal ungestört von der Polizei.

Wir schlendern über den Markt und kaufen Proviant ein. Eier, Gemüse, Brot und Milch. Man weiss ja nie, vielleicht fahren wir ja doch noch in das Hoggar!
Wir werden von einem Algerier angesprochen. Er arbeitet im Tourismus und schildert uns die aktuelle Situation in Algerien. Im Süden gebe es Probleme mit Mali. Das gesamte Gebiet sei seit etwa drei Wochen für Touristen gesperrt. Die Situation sei momentan ruhig, aber die Sperrung könne noch einige Monate anhalten. Für uns wohl das endgültig Aus für eine Tour dahin!
Zum Übernachten fahren wir wieder nach Norden. Wunderschöne Sicheldünen und dazwischen einige Dattelpalmen. Leo blökt mit seinem Didgeridoo. Es würde niemand wundern, wenn sich das Ding eines Nachts auf rätselhafte Weise verschwinden täte.

Morgen geht es weiter, und an den Badestrand

14. Dezember 2012

Algerien: die Speckmütze sagt nein!

aus meinem Tagebuch: Teil 5
Donnerstag 4. April 96. Mit der Sonne kommt auch wieder der Wind. Wir essen panierte Butterbrote.
Nach etwa sechzig Kilometer erreichen wir Djamaa. Da wir nun unabhängig sein wollen, tanken wir mal voll. Mehr als zweihundert Liter Benzin und etwas Wasser. Kurz vor der nächsten Strassensperre zweigen wir auf eine kleine Nebenstrasse ab. Noch einmal „davon gekommen“. Irgendwo überqueren wir eine Öl-Pipeline und machen Mittagsrast. Wir überlegen, ob wir der Pipeline nach Süden folgen sollten, und so Touggourt zu umfahren; oder gerade aus weiter? Wir beschliessen dann aber, geradeaus nach M’Rara und weiter zu fahren.
Mitten in M’Rara ist die Strasse zu Ende. Schäbige Häuser um einen staubiger Platz. Wir fragen nach dem Weg. Da kommt ein silbriger Peugeot angebraust und ein Mann mit ernster Mine und einer Pistole entsteigt der Karre. Und nimmt uns unsere Pässe ab. Bald darauf stehen wir vor der Polizeistation! Umringt von einem Dutzend Polizisten mit ebenso vielen Gewehren. Wie im Wildwest-Film. Die Obrigkeit berät nun, was mit uns geschehen soll? Möglichst ohne unnötige Umtriebe für sie. Sie beschliessen, uns in Djamma einer anderen Behörde weiterzureichen. Also rasen wir im Konvoi dahin.
Schon bald sitzen wir vor einem Kasernentor. Hinein dürfen wir nicht, was uns eigentlich ganz recht ist. Ich schaue durch eine Ritze in den Kasernehof. Da steht ein Häftling auf einem Bein und stemmt einen Stuhl in die Höhe, während ihn ein paar Beamte verhören.
Irgendwann kommt ein Uniformträger heraus zu uns und will die Namen unserer Eltern wissen. Dann verschwindet er wieder in der Kaserne. Der Häftling stemmt immer noch den Stuhl. Kurz vor 16 Uhr steht der Uniformierte plötzlich wieder da - und erklärt uns, dass wir nicht nach Ghardaia fahren dürften. Sonst aber überall hin; und dann wünscht er uns eine Gute Fahrt.
Ja - dann wollen wir mal los! Wir fahren nach Touggourt und wundern uns, dass jetzt plötzlich geht, was am Vormittag noch unmöglich schien. Wir wollen bei den Seen von Merjadja übernachten. Doch die Seen gibt es nicht mehr, hier sind jetzt Gemüsegärten. So fahren wir hinaus in die Wüste und übernachten etwa 20 Kilometer südlich von Touggourt.

Freitag 5. April 96. Gegen Mittag kommen wir nach Ouargla. Jetzt sind wir immerhin schon mehr als 300 Kilometer von der Grenze weg. Die Soldaten an der ortstypischen Strassensperre winken. Wir auch - und fahren durch. Im Stadtzentrum setzen wir setzen uns in ein Café. Herrlich. Wenige Kilometer hinter Ouargla beginnt nun eine schöne Piste, die uns weit nach Süden bringt. Mehr als 1'000 Kilometer, bis ins Hoggar. Nur Wüste, keine Siedlungen, keine Strassen, keine Strassenkontrollen.
Nach wenigen Minuten kommt ein Polizist mit strammem Schritt und einer speckigen Mütze – und nimmt uns unsere Pässe ab! Schon wieder. Uns so sitzen wir kurz darauf in einem armseligen Büro im Polizeipräsidium von Ouargla. Die übliche Fragerei nach dem wohin und woher? Man überlegt, telefoniert, klärt ab. Dann kommt man zum Schluss, dass wir nun nach Tunesien zurück reisen tuen. Man mache sich Sorgen um unsere Sicherheit - wobei! Algerien natüüürlich ein sehr sicheres Land sei, aber unsere Sicherheit sei ihnen doch das wichtigste. Und so weiter und so fort.
Als wir wieder draussen auf der Strasse sind, kommt uns ein Polizist nachgerannt. Er sagt uns mit klaren und einprägsamen Worten: «Wenn ihr auch nur einen Meter Richtung Ghardaia fährt, verstösst ihr gegen algerischer Recht. Au Revoir». Gleichzeitig fingert er an seiner Dienstpistole herum.
Na gut, fahren wir halt wieder nachhause. Einige Kilometer ausserhalb der Stadt fahren wir erst einmal in die Dünen und übernachten. Leo wickelt sein Didgeridoo aus ...

13. Dezember 2012

Algerien: Süsskram und ein schwarzer Mond

aus meinem Tagebuch: Teil 4
Mittwoch 3. April 96. Am Vormittag besuchen wir den Markt. Zahllose Händler bieten Unmengen von Waren an. Billigst Batterien aus China, emaillierte Blechtöpfe und in Einzelteile zerlegte Kamele. Schon alleine die verschiedenen Gerüche waren einen Besuch wert. Während wir in einem Strassencafe Cremeschnitten futtern, bemerken wir, dass uns die Polizei beobachtet. Nicht gut, ich glaube, es wird für uns Zeit, El Oued zu verlassen!

Wir wollen nach In Salah in Zentral-Algerien. Auf der direkten Hauptstrasse geht das nicht; da soll es überall Strassensperren geben. Direkt nach Süden geht’s auch nicht, da sind die schier endlos Sanddünen des Grand Erg Oriental. Wir könnten aber versuchen die Städte nördlich zu umfahren. Das wäre unüblich und eine von Touristen kaum heimgesuchte Region. Ich kenne da auch einige Schleichweg bis in die Gegend von Ghardaia. Und ab da gibt es dann genügend abgelegene Pisten in den Süden.
Am Mittag, als alle im Schatten dösen, fahren wir kurzerhand los. Nach Norden aus der Stadt hinaus. Vor einer grossen Kaserne am Stadtrand stehen lange Kolonnen Militärfahrzeuge und die Soldaten sind grad aum Aufsitzen. Kein gutes Zeichen.
Etwa 30 Kilometer nördlich von Guemar biegen wir nach Westen ab. Die Strasse ist sogar geteert und quert den Nordrand vom Souf. Wir übernachten in einem Dünenfeld, einen Kilometer weg von der Strasse. Der Wind bläst uns den Sand ins Gesicht, aber wir sind froh, draussen zu sein.
Kurz vor Mitternacht bekommt der Vollmond einen Schatten. Die versprochene Mondfinsternis beginnt. Wir haben uns liegestuhlförmige Gruben gegraben und liegen nun drinnen und schauen dem Mond zu. Um Mitternacht ist der Mond komplett dunkel. Leo „spielt“ mit seinem Didgeridoo. Hört sich irgendwie nach Hirsch und Brunft an.
Philippe meint, der Mond sei ein abgesprengtes Stück der Erde. Ich vermute, ein Stück Algerien; da die hier ja alle eine Ecke ab haben.
Ob wir morgen weiter in den Süden kommen? Hoffen wir mal, und machen wir das Beste aus der misslichen Situation. Aber erst einmal wollen wir die Wüste geniessen.

Morgen geht es hier weiter, und um nackte Kerle.

12. Dezember 2012

Algerien: wenn die Wüste grenzenlos wäre

aus meinem Tagebuch: Teil 3
Dienstag 2. April 96. Gegen halb neun fahren zur Grenze, ist ja nicht weit. Früher hinzufahren lohnt sich meist nicht, da die Grenzer dann noch schlafen. Ich habe gemischte Gefühle; so zwischen Erinnerungen an die "guten alten Zeiten" und Neugier auf das "neue Algerien". Hazoua, der tunesische Grenzort hier im Süden, ist in den letzten Jahren mächtig gewachsen. Hässliche Neubauten, wohin man blickt. Die Grenzabfertigung geht zügig und freundlich, sonst ist aber alles beim Alten geblieben. Die Grenzer interessieren sich sehr für Leos Didgeridoo im Bademantel; lassen ihn aber doch passieren.
Nach ein paar Kilometern Niemandsland kommen wir zum algerischen Grenzposten Taleb Larbi. Auch hier; ausser einem neuen Dach, sehe ich keine Veränderungen. Freundlich und hilfsbereit werden wir abgefertigt. Polizei – Zoll – Devisendeklaration - Pflichtumtausch – Versicherung, wie früher. Der Bankier kann nicht rechnen, der Versicherungsagent ist fast blind und wird von einem Schwarzhändler begleitet. Nach etwa drei Stunden sind wir abgefertigt und dürfen los. Grüezi Algerien!

Der Sandwind ist inzwischen noch etwas kräftiger geworden. Wir sind gespannt, was uns erwartet. Vorerst erwartet uns Wind, Sand und steinewerfende Kinder. Philippe muss alle paar Kilometer seinen Töff auf die Seite legen, damit etwas vom restlichen Benzin in den Vergaser läuft! Alle Tankstellen haben zwar Benzin; aber heute Stromausfall, und so laufen ihre Pumpen nicht. Benzinreserven haben wir natürlich keinen mit, denn Benzin kostet hier ja bloss halb soviel wie in Tunesien.
Kurz vor El Oued werden wir an einer Strassenkontrolle ein weiteres Mal angehalten. Ein netter Uniformierter nimmt uns gleich die Pässe ab, nuschelt etwas ins Funkgerät - und bittet uns, doch einen Moment zu warten. Tun wir doch gerne ...
Nach wenigen Minuten braust ein silbriger Peugeot daher. Ihm entsteigen einige grimmige Herren mit Maschinenpistolen und bitten uns freundlich, ihnen doch zu folgen. Wir besuchen gemeinsam das örtlichen Polizeipräsidium. In einem schäbigen Büro im zweiten Stock offenbart uns der Chef der „Strassenräuber“, dass die Weiterfahrt verboten sei. Wir jammern ein wenig. Er bietet uns drum ein Begleitfahrzeug nach Illizi (Südostalgerien) an. Wir wollen aber weder ein Begleitfahrzeug, noch nach Illizi. Also lehnen wir dankend das grosszügige Angebot ab. Daraufhin legt man uns nahe, nachhause zu fahren!
Doch dann bekommen wir überraschend unsere Pässe zurück. Und den dringenden Wunsch, uns vorläufig im „Hotel du Souf“ einzuquartieren. Ein schönes Hotel zum Entspannen - gewiss, aber wir wollen uns nicht entspannen. Wir wollen in die Wüste!
El Oued ist uns vertraut. Im Stadtzentrum essen wir erst einmal ein Grillhähnchen und trinken farbige Limonaden. Zurück im Hotel werden wir von einen bekannten Gesicht empfangen. Unser Polizist bringt drei weitere Schweizer vorbei. Auch sie sind in der Strassenkontrolle hängen blieben. Sie kamen bis nach Hassi Messoud hinunter, und wurden dann zurückgeschickt. Sie berichten von zahlreichen Strassensperren und Kontrollen unterwegs. Unser Plan einfach abzuschleichen, scheint zu platzen. Mal schauen ...
Bis Mitternacht sitzen wir zusammen im Hotelgarten. Über uns der Mond, in uns reichlich zuckersüsse Limo.

Morgen geht es weiter, und um gar keinen Mond.

11. Dezember 2012

Tunesien: Versteinerungen, Couscous und Nutella

aus meinem Tagebuch: Teil 2
Montag 1. April 96. Gegen 6 Uhr erwache ich. Draussen höre ich Gerede. Ich steige aus meinem Bus-Bett und gehe nachschauen. Das verlassene Haus ist gar nicht verlassen! Die Bewohner sind schon auf den Beinen und bestaunen die zahlreichen Besucher auf ihrer Veranda. Mit einer herzlichen Entschuldigung und zwei Dosen Bier regeln wir die Übernachtungskosten.
Den ganzen Tag rollen wir südwärts, wir wollen heute bis Nefta. Unterwegs verlieren wir den Kontakt zu unsern Töffs. Kein Problem. In Gafsa warten wir in einem Strassencafé, doch sie kommen nicht. So fahren wir weiter. In der Nähe von Metlaoui gehen Leo und ich Leo Fossilien suchen. Doch wir finden nichts Gescheites, bloss versteinerte Muscheln. Wenn die Töffs noch hinter uns wären, müssten sie uns jetzt längst eingeholt haben, doch sie sind nirgends zu sehen. Leo spielt noch etwas Didgeridoo, drum will ich losfahren. Also fahren wir bis nach Tozeur und hängen dort in einem Strassencafé herum. Und warten. Nichts. Wir futtern präventiv etwas Kuchen.
Um fünf Uhr kommen wir an unserem Übernachtungsort, im „Marhala“ in Nefta, an. Auch hier; keine Töfffahrer. Hätten wir in Gafsa doch noch länger warten sollen? Dann schellt das Telefon. Ist für mich, Andi ist dran: Sie sind noch in Gafsa - und warten auf uns! 120 Kilometer hinter uns.
Eine gute Stunde später sind sie da. Gemeinsam gehen wir bei meinem Freund im „Specialite Couscous“ Nachtessen. Nett, aber nicht wirklich gut. Wie immer.
Das Hotel „Marhala“ ist ein älteres Hotel aus den hier typischen Backsteinen. Alles, selbst die Betten sind gemauert. Früher stand es ganz allein ausserhalb von Nefta. Jedes Jahr rücken aber die Neubauten näher, die ersten sind schon fast da.
Ich bringe für die Kinder des Inhabers immer Schoggi und Nutella mit, auch dieses mal. Ich habe seine Kinder aber noch nie gesehen; könnte ja sein, dass er gar keine hat und das Zeug selber isst.

10. Dezember 2012

Tunesien: vom Versuch in die Sahara zu fahren

Früher reiste ich jedes Jahr mehrmals in die algerische Sahara. Bis dort Anfang 90-er Jahre Unruhen begannen. 1996 erschien sich die Lage wieder etwas beruhigt zu habe. Warum also nicht mal wieder hinfahren und nachsehen?
Wir, das waren drei Töffahrer: Gü (Honda Dominator), Andi und Philippe (Kawa KLX 650). Dazu der Leo bei mir im Begleitfahrzeug (MB310 4x4). Wir waren alles alte Freunde und erfahrene Weltreisende. Damals habe ich leider fast keine Fotos gemacht und die paar wenigen habe ich glaub verloren. Es war damals halt einfach eine von vielen Saharatouren ...

aus meinem Tagebuch: Teil 1
Samstag 30. März 96. Früh am Morgen fahre ich von zuhause los. Unterwegs steigt Leo zu. Er hat ein Didgeridoo dabei. Das Ding ist bestimmt anderthalb Meter lang und in einen Frotte-Bademantel eingerollt.
Auf der Gotthard-Raststätte treffen wir die drei Töffler - Andi, Gü und Philippe. Und weiter. Frühstück in Bellinzona. Kaum in Italien, streikt Gü’s Töff. Ein Deckeli am Motor ist weg. Wir laden beide zu uns in den Bus und fahren weiter.
Gegen Mittag sind wir im Hafen von Genua. Andi und Philippe fahren noch gschwind in die Stadt, um einen Deckel für Gü’s Dominator zu besorgen; ist hier vermutlich einfacher als in Tunesien. Ich mache den Papierkram für alle und dann warten wir aufs Schiff. Ein kurzes Gerangel und wir sind auf der Fähre. Und ganz vorne, was bei der Ankunft guuut ist Pünktlich um 17 Uhr verlässt die „Dame M“ mit uns an Bord den Hafen. Das Schiff fährt als Ersatz für die "Habib" und ist etwa gleich - öööhm - nett.

Sonntag 31. März 96. Den ganzen Tag hocken wir auf dem Schiff! 24 laaangeweilige Stunden.
Als wir La Goulette, den Hafen von Tunis, verlassen, ist es bereits finster. Wir fahren gleich auf die Autobahn und gegen Süden. Etliche Schilder weisen auf die neuen Zahlstellen hin, doch die sind zum Glück noch nicht in Betrieb.
Nachtessen in Bou Ficha, da wo ich im letzten November kotzen musste! Wegen einer Cremeschnitte, die gut schmeckte - dabei aber sehr eigenwillig roch.
Wir übernachten am Strand vorne, neben einem verlassenen Haus.

9. Dezember 2012

keine Katze heisst Merkel

Zweiter Adventssonntag: Wenn ich eine Katze hätte, täte ich sie "Traktor" nennen. Ich habe aber keine.

Wollte das nur mal mit aller Deutlichkeit gesagt haben ...

8. Dezember 2012

Reisetipp: Kinderfoto

Der Reisetipp am Samstag: Bei Kontrollen unterwegs muss man öfters mal den Reisepass vorzeigen. Ein Beamter mit einem speckigen Kragen blättert dann lustlos darin hin und her. Und stellt dann mürrisch einige Fragen. Name? Woher? Wohin?
Ich lege immer ein Foto mit "meinen" Kindern in den Pass. Das fällt dann bei der Kontrolle gerne zu Boden und der Beamte muss es aufheben. Er schaut drauf - und erzählt von seiner eigenen Brut. Von seinen kräftigen Buben und den paar Mädchen. Die Stimmung lockert sich jeweils schlagartig.
Auf meinem Foto sind einige Nachbarkinder abgebildet. Nur Knaben und vor neutralem Gebüsch. Nicht das ein Betrachter noch auf die Idee kommt, ich schwelge in Reichtum. Und würde ihm gerne etwas davon abgeben.

7. Dezember 2012

bissigkaltregnerischwindiges Wien

Heute vor fünf Jahren war ich in Wien. Es war genau das gleiche garstige Dezemberwetter wie jetzt; bissigkaltregnerischwindig und kurzschwänzig.

Wir wollten im Schmetterlingshaus im Hofgarten die Schmetterlinge angucken. Zuerst fanden wir aber keine, denn die hockten alle bewegungslos auf einem Heizungsrohr - an der Decke oben. So aus der Ferne beurteilt – schöne Tiere.

6. Dezember 2012

selbstklebende Salami

Wir alle müssten «Innovation fordern und fördern», sagte der Mann im Fernsehen. Sonst werden wir von den Chinesen überrannt. Er schaute dabei sehr ernst und sehr entschlossen aus seinem blassgelben Hemd. Seine Haare und Zähne hatten auch diese Farbe; blassgelb. Überhaupt, seine gesamte Erscheinung war irgendwie gelblich. Wasserleichenmässig - aber darum geht es jetzt nicht.

Innovationen! Nach der selbstklebenden Salami und den synthetischen Nasenpopeln habe ich eine weitere Innovation entwickelt: Zahnpasta mit Senf-Geschmack! 
Ich will nicht vom Chinesen überrannt werden - nicht jetzt.

5. Dezember 2012

Trennung und Zugriff

Neulich glaubte ich noch, die Ersatzbeschaffung meiner Schuhe liesse sich ins nächste Jahr vertagen. Zwischenzeitlich hat sich aber die Lage dramatisch zugespitzt und die Sohlen gehen zusehends eigene Wege. Neue Schuhe müssen her. Dringend – ich muss in den Schuhladen. Wie empfohlen, begleitet mich diesmal Frau G. In modischen Dingen, und um solche handelt es sich hier, ist sie einfach viel kompetenter und mir weit überlegen.
Vor dem Schuhladen machen wir eine kurze Lage- und Einsatzbesprechung. Das Ziel sind schwarze Halbschuhe, schwarz, mittlerer Preisklasse. Grösse so um die 42. Und dann schlagen wir zu: Hinein in den Laden. Ein schneller und präziser Zugriff. Die Grösse stimmt, also OK. Zahlen - und raus mit der Beute.
Zuhause betrachte ich dann in Musse meine neuen Schuhe. Tadellose Füsslinge in schwarz; wie gewünscht. Und eines ist mir klar: Irgendwann in den nächsten Jahren werden solche Briefträgerschuhe wieder sehr, seeehr modern sein. Ich kann dann zu Recht behaupten, ich sei dem Trend voraus gewesen.

4. Dezember 2012

Keihnachtsmarkt in Luzern

Am vergangenen Samstag war in der Luzerner Altstadt so ein weihnachtlicher Markt. Und solche mag ich etwa so gerne wie Fusspilz oder ein Zimmerbrand. Deswegen gingen wir extra einen Umweg. Hinten herum.

Bei der Gelegenheit beaugapfelte ich die Rückseite vom Coop am Löwengraben. Schön bunt und farbig. Und kein bitz weihnachtlich.

3. Dezember 2012

bin halt ein Romantiker

Es ist jedes Jahr ende November dasselbe. Draussen ist es trüb und bereits am späten Nachmittag finster. In der Bahnhofsunterführung panflöten sich Peruaner die Lippen wund und im Aldi gibt’s Weihnachtsmänner aus China für 19.90. Jetzt merkt’s auch der Dümmste: Weihnachtszeit.

Dieses Jahr wollte ich mich dem Trend zu Besinnlichkeit und kindlichem Kitsch nicht verschliessen und habe mir so einen Adventskranz gebastelt.
Ganz tief in in mir drinnen schlummert halt ein unverbesserlicher Romantiker.

1. Dezember 2012

Reisetip: mein Besteck

Der Reisetipp am Samstag: Das Besteck in manchen "Gaststätten" und Garküchen ist – öhm – merkwürdig. Sagen wir mal, es hat Patina. Üppige Gebrauchsspuren. Geleckt statt gewaschen.
Um dem zu entgehen, nehme ich gerne meinen eigenen Löffel mit. Der passt ganz perfekt in die Innentasche meiner Jacke und ist so allzeit bereit. Und ein Taschenmesser habe ich ja sowieso mit; ich bin doch ein richtiger Bergler.
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30. November 2012

Frau Lena und ihre Nordsee

Kürzlich hat mich die Frau Lena von nordsee24.de gefragt, ob ich nicht mal etwas über die Nordsee schreiben täte. Und dabei meint sie wohl nicht diese Fischbraterei, die in allen Fussgängerzonen fritiertes Getier feilhält.
Bei „Nordsee“ kommen mir schrumplige Frührentner in Strandkörben und gelben Gummistiefeln in den Sinn. Nasskalter Wind, gestrandete Walkadaver und Otto. Und ein Meer ganz ohne Wasser, also eigentlich perfekt für Nichtschwimmer und Bergler wie mich.

Jetzt will ich aber nicht behaupten, dass ich schon einmal freiwillig dort war - immer bloss auf der Durchreise. Die Nordsee war daher eher im Weg als am Ziel. Und bis anhin verspürte ich auch keine erkennbare Zuneigung dazu. Eher grauste mich vor den Wattwürmern und den –wanderern.
Jetzt wo mich die Frau Lena neugierig gemacht hat, finde ich den Gedanken an eine Reise an die Nordsee gar nicht mehr so abwegig. Also nicht bloss daran vorbei fahren, nein, anhalten und aussteigen. Da hat es nämlich viel schöne Gegend; Landschaft wäre etwas übertrieben, da jegliche Berge fehlen. Dafür gibt’s üppig Himmel und Wolken. Und Meer, wenn das Wasser grad da ist. Ich vermute, es gibt dort oben sogar gebratenen Fisch.
Hier drauf drücken: NordseeOstsee oder Frau Lena.
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29. November 2012

Kalter Krieg auf unserer Strasse

In den 1960-er Jahren brodelte rund um die Schweiz der „Kalte Krieg“. Das Militär gab sich wehrhaft und kaufte zahlreiche neue Kriegsflugzeuge. Dazu erneuerte man auch die entsprechenden Flugplätze und baute grössere Bunker für die neuen und grösseren Flieger. Man war bereit gegen Feind aus dem Osten.
Nun hatte man zwar über 350 Kampfflugzeuge; aber bloss 13 Flugplätze. Und die täte der Russen bestimmt als erstes kaputtmachen. Die neuen Flugzeuge könnten dann nicht starten; oder wenn doch, nachher nicht mehr landen. Das wär blöd.

Also baute man einige Autobahnen zu Notflugpisten um. Das klappte da ganz gut, wo der Flugplatz direkt neben einer geraden Autobahn lag. Direkt neben dem Flugplatz Alpnach ist dummerweise keine - nur eine zweispurige, kurvig Autostrasse. Und mit einer Brücke drüber. Für eine Flugpiste also eher suboptimal!
Im Juni 1978 probierte man es trotzdem aus. Bei der Übung „NOSTRA“ starteten sechs „Hawker Hunter“ von der Autostrasse. Mit 200km/h rasten sie unter der Brücke durch und hoben danach gleich ab, denn bis zur nächsten Kurve waren es knapp 700 Meter. Und dahinter steht der Pilatus.
Ende September 1988 übte man ein zweites mal. Diesmal starteten zwölf „Northrop Tiger“ von der Strasse. Alles klappte tadellos. Man war parat, doch ein Jahr später war der „Kalte Krieg“ aufs mal zu Ende.

28. November 2012

suchenSieetwasBestimmtes

Neulich war es wieder soweit; der alljährliche Schuhe-Einkauf stand an. Meine aktuellen Schuhe sind ausgelatscht und hässlich. Das habe ich schon im Sommer bemerkt, den Ersatz aber auf später vertagt. Jetzt ist „später“ und die Sohle löst sich ab. Jetzt muss ich wohl da hin; in den Schuhladen
Für mich – ja ich möchte gar behaupten, für den männlichen Menschen generell – ist Einkaufen eine lästige Pflicht. Schuhe kaufen eine ganz besonders üble, schlimmer wäre nur noch Hosen kaufen. Also: Ich brauche neue Schuhe. Halbschuhe. Schwarze. Zum Schnüren.
Im Schuhladen haben sie reihenweise Schuhe in allen Farben und Formen. Die schiere Menge liess mich erschaudern. Ich will doch nur Schuhe. Halbschuhe. Schwarze. Aber solche hat es hier anscheinend keine!
Unbemerkt schlich sich so ein aufgehübschtes und pickliges Froilein an. Sie flötet: «suchenSieetwasBestimmtääs?». Diese direkte Frage traf mich ganz unvorbereitet. „Etwas Bestimmtes“ - nö, suche ich eigentlich nicht. Einfach Halbschuhe; irgendwelche. Gut, neu müssten sie sein, und schwarz. Sie wusste viel über Schuhe zu erzählen. Von Rindsleder, Teddyfell und atmungsaktiver Fütterung. Ich will aber doch kein Haustier kaufen – was ich brauch sind neue Schuhe!
Da blieb mir nur noch die Flucht. Draussen im Parkhaus beschaute ich noch einmal meine gegenwärtigen Schuhe und kam zum Schluss: Jetzt im Dunkeln sehen die ja noch ganz nett aus – die kann ich noch eine Saison tragen. Schuhe werden sowieso gerne überbewertet.

27. November 2012

dieser Reinhold Messner lügt doch

Beim Aufräumen bin ich über ein altes Foto gestolpert. Wir bezwangen im Oktober den Giswilerstock und ich machte einen Eintrag ins Gipfelbuch.

Ich schrieb: Wir sind oben. Dieser Reinhold Messner ist ein Dubel - so eine Gipfelbesteigung ohne Sauerstoff ist nämlich gar nicht möglich. Lügner!
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26. November 2012

mein Wurstbrot verpasst und ich bin schuld

Neulich reisten wir doch nach Berlin. Mit dem Flieger. Aufgrund äusserst ungünstiger Umstände stand Frau G. ohne ihre Handtasche am Flughafen. Ohne Geld, ohne Reisepass, ohne Karten. Und auch ohne die extra für die lange Flugreise geschmierten Wurstbrote.
Manche geben reflexartig mir die Schuld, bloss weil ich auf ihre Handtasche aufpassen sollte. Hab ich ja auch getan - anfangs. Nun steht ihre Handtasche zuhause auf dem Parkplatz. Und im Regen. Aber wie gesagt; die Umstände waren äusserst ungünstig! Und die Tasche ist ja nicht weg; nur nicht dabei.

Wie dem auch sei: Die Flughafenleute sind da etwas eigen; sie wollen ein Reisedokument sehen, sonst lassen die Frau G. nicht einsteigen. Genau für solche Fälle betreibt die Kantonspolizei direkt am Flughafen einen Schalter. Der diensthabende Polizist zeigte sich einsichtig und ist willig zu helfen. Zehn Minuten und Hundertfünfzig Franken später hat Frau G. einen niglnagelneuen „provisorischen Schweizer Pass“ in Händen. Nun kann's losgehen.
Eins aber hab ich gelernt: Nächstes mal gebe ich die Wurstbrote nicht wieder aus der Hand.

24. November 2012

Reisetip: wo ist der Diesel

Der Reisetipp am Samstag: Die Schrift und/oder Sprache kann noch so exotisch sein, die Tanksäule mit dem Diesel findet man aber trotzdem immer. Da wo der Boden schwarzschmierig und speckglänzend ist - da ist jeweils die Dieselsäule.
Manchmal liegen da richtige Dieselpfützen, darum empfehle ich auf der Beifahrerseite aus zu steigen. Sonst  hat man die ganze Sosse an den Schuhen - und das Auto stinkt die nächsten Monate wie in eine brennende Raffinerie. Unschön ...
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23. November 2012

ich hab keinen Koffer in Berlin

«Haben Se ihr Koffer verjessen, wa?», fragte der Hotelknecht bei der Abreise. Schon klar – für Aussenstehnde mag das so aussehen, denn wir reisen diesmal mit kleinem Gepäck. Ganz kleinem. Für die paar Tage in Berlin braucht man ja nicht viel.

Frau G. hat eine Umhängetasche mit - und ich meine kleine Laptoptasche. Kaum A4 gross und gut vier Kilo schwer. Meine Kleider habe ich neben den Compi hineingepresst. Drei T-Schirts und Unterhosen. Kabel, Netzteil und ein Buch. Etwas Shampoo und Zahnpasta habe ich zuhause in alte Filmdöschen gefüllt; mehr darf man ja nicht in den Flieger nehmen. Das ist alles.
Gut, ursprünglich war noch ein Wurstbrot dabei. Das habe ich aber zuhause liegen lassen. Über Augsburg hat die SWISS zum Glück einige ihrer Sandwiches verteilt. Die waren ganz schmackhaft, aber halt bloss daumengross.

22. November 2012

Berlin: meine Augenweide

Das Restaurant „Volkskammer“ ist eine Reise in die 1970-er Jahre. Alles, die Speisekarte, das Mobiliar, die Tapeten, das Geschirr, dieTopfpflanzen und auch der Gastwirt sind aus der damaligen Zeit. Wunderbar.

„BITTE LEBEN“ hat jemand an die Fassade des Wohnhauses „Schlesisches Tor“ gemalt. Das Haus wurde vom portugiesischen Architekten Álvaro Vieira geplant und gilt als Stil-Ikone der 1980-er Jahre.

Berlin ist eine Augenweide.

Seine Bewohner und -innen nicht unbedingt. Das links ist ein Kerl ...

21. November 2012

Berlin: Pferde auf dem Dach

In den Kinderbüchern gibt es doch diesen „Hanns Guck-in-die-Luft“. Genau so komme ich mir auch vor. Überall gibt es interessante Sachen zu sehen. Und die sind oft hoch oben. Türme mit güldenem Zierrat, in Metall gegossenen Feldherren und gläserne Kuppeln. Ich befürchte schon die Nackensteife vom andauernden nach-oben-gucken.

Besonders gut gefällt mir das Brandenburger Tor. Auf dem Dach stehen vier Blechpferde, wie versteinert. Sie ziehen stehend eine ebenso immobile Karre mit einer Frau drauf. Diese hält einen Wischmob in die Höhe. Darauf hockt wiederum ein Vogel. So genau konnte ich es aber nicht erkennen.

Gleich nebenan steht das alte Reichstaggebäude. Ein monumentaler Sandstein-Palast aus dem späten 19. Jahrhundert. Etwas jünger und halb so gross wie unser Bundeshaus in Bern. Aber mit Einschusslöchern.

Und oben auf dem Flachdach dann diese grandiose, gläserne Kuppel. Wir schlendern bis ganz zuoberst hinauf. Über uns nur noch der blaue Himmel. Blauen Himmel können sie gut, die Berliner.

20. November 2012

Berlin: Parade und Parodie

Es war damals an einem kühlen Nachmittag im Oktober 89. Alte Männer standen am Strassenrand und grinsten versteinert. Es stank beissend nach Auspuff. Panzerketten knirschen über den Asphalt. Stramme Soldaten im Gleichschritt. Was war da bloss geschehen? Es waren die Feierlichkeiten zu „40 Jahre DDR“.

Erich Honecker, Dachdecker und Staatsratsvorsitzender, reimt damals euphorisch: «Vorwärts immer, rückwärts nimmer». Schon einen Monat später wussten alle – es kommt alles ganz anders.
Die Parade fand damals an der Karl-Marx-Allee statt. Einer viel zu breiten und pfeilgeraden Strasse in Ostberlin. Ursprünglich sollten solche Paraden eigentlich vor dem Palast der Republik stattfinden. Man fürchtete aber Schäden an der Glasfassade wegen der Erschütterungen durch die Panzer und so feierte man halt an der langweiligen Karl-Marx-Allee.
Und heute stehe ich nun genau da und blicke hinüber, wo damals die grauen Mannen standen. Jetzt ist da bloss noch gähnende Leere und trostlose Laaangeweile. Parodie statt Parade.

19. November 2012

Berlin: wir Schweizer und ihr Fernsehturm

Berlin ist flach wie eine Pfütze. Und das was die Eingeborenen als „Berge“ benennen, sind in Wirklichkeit bloss ein paar fladenförmige Hügel. Kaum dreimal so hoch wie die Hausdächer, also nix.
Diesem Umstand wollten einst die Ostberliner mit einem Turm begegnen. Einem hohen Fernsehturm – einem sehr, seeehr hohen.

Mit der Planung des Fernsehturms begann man bereits in den 1950-er Jahren. Die Form war bald gefunden: Ein runder Turm mit einer Kugel und einer Antenne obendrauf. Aber wo soll er zu stehen kommen?
Der Basler Architekten Hans Schmidt wusste Rat und schlug heutigen Standort vor. Perfekt; hier war der Fernsehturm von überall her gut zu sehen. Auch aus Westberlin! Und wegen diesem Schweizer steht der Turm nun da, wo er heute steht.

Das vorgeschlagene Areal war unbebaut. Also - seit dem der Krieg die Häuser zerstört hat. Eines der Grundstückgehört einer Schweizer Familie. Die betrieben hier seit mehreren Generationen das „Café Vicedomini“. Nun wurde das Grundstück für den neuen Fernsehturm benötigt - also enteignet.

Die Familie Vicedomini wollte eine Entschädigung für ihr Grundstück - Deutschland wollte aber nicht bezahlen. Die ganze Sache zog sich hin. Erst 2003 gab Deutschland nach und entschädigte die Erben in der Schweiz: Ganz genau 1‘797 Euro und 39 Cent erhielten sie für ihr Millionen-Grundstück im Herzen Berlins.

17. November 2012

Reisetipp: das Bettlergeld

Der Reisetipp am Samstag: Fast in allen Reiseländern trifft man auf Bettler. Ob man ihnen was gibt oder nicht, muss jeder für sich selber entscheiden. Wenn ja, dann ist es aber eher ungeschickt, wenn man vor seinen Augen in seinem Bargeld nach der kleinsten Münze wühlt.
Ich habe darum meine "Bettlermünzen" immer in der rechten Hosentasche. In der linken ist dann das richtige Geld. Ein Griff - und ich habe eine passende Spende.
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16. November 2012

Berlin: Frau Tete hat ein Auge auf mich

Vor uns wurmt sich eine lange Schlange quälend langsam vorwärts. Anscheinend wollen auch noch andere ins Neue Museum. Nebenan wird zurzeit grad die „James Simon-Galerie“ gebaut, so gibt es für mich wenigstens was zu schauen.
Wir wollen die Büste der Nofretete anschauen. Nicht nur, aber auch. Der Kopf begeistert mich schon lange. Mehr als dreitausend Jahre alt und fast komplett erhalten - bloss das linke Auge fehlt. Und etwas vom Ohr.

Vor genau hundert Jahren wurde die Büste der Königin Nofretete in Ägypten ausgegraben. James Simon hat damals die archäologischen Grabungen bezahlt und die Büste dann dem Freistaat Preussen geschenkt. Simon war Unternehmer, Kunstmäzen und ein Berliner.

Sein Grab liegt auf dem wildromantischen Jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee.

An der Spree gibt es seit kurzem sogar einen James-Simon-Park. Und gleich nebenan kennt der Peter eine wunderschöne Kneipe. „Verkehrs beruhigte Ost Zone“ nennt sie sich. Sie ist in einem alten Viaduktbogen der Berliner Stadtbahn beheimatet.
Wir genehmigen uns eine Berliner Weisse. Rot oder grün?

15. November 2012

Berlin: tanzen oder mampfen

Wie ein Sputnik schwebt eine Diskokugel über uns. Und von den Wänden hängt Lametta, herzallerliebst von bunten Neonröhren illuminiert. Peter hat uns in „Clärchens Ballhaus“ geführt. Das legendäre Tanzlokal gibt es schon seit über hundert Jahren. Und so sieht es dann auch aus. Als ob die Zeit vor längerem stehen geblieben sei. Und nach Renovations-Stau.

Clärchens Ballhaus ist berühmt für seine grandiosen Tanzveranstaltungen. Jetzt am späten Nachmittag sind wir aber die einzigen Gäste. Und wir sind nicht zum tanzen da, sondern zum essen.
So sitzen wir nun ganz alleine im angejahrten Saal, zwischen Tanzparkett und Tresen. Die Beleuchtung ist düster - romantisch oder defekt, ich weiss es nicht. Aber zum essen reicht es allemal.

Hausgemachte Bouletten auf Kartoffelsalat, dazu eine Fassbrause. Die Hacktätschli sind wunderbar fleischig. Aussen eine schöne Kruste, innen drin saftig und mürb. Und erst die Herdäpfel; wenig Sauce, wenig Säure, etwas Schnittlauch - tadellos!

Dann schleppt ein Mann eine elektrische Orgel auf die Bühne. Wohl Zeit zu gehen für uns. So kurz nach dem Essen möchte ich keinesfalls tanzen.

14. November 2012

Berlin: den Adolf tiefergelegt

Ob man will oder nicht, überall stolpern wir über Berlins Vergangenheit. Vor allem über die der DDR und des unrühmlichen Dritte Reiches.
Überall in Berlin stehen Einzelteile der DDR-Grenzmauer herum. Zerschundene Betonwinkel, meist beidseitig grellbunt bemalt. Beidseitig, obwohl damals damals ja gar nicht ging! Dieses hier steht am Leipziger Platz und zeigt ein Bild vom berühmten Thierry Noir.

Unweit vom Holocaust-Mahnmal liegt zwischen einigen Mietskasernen ein öder Parkplatz. Hier befanden sich vor siebzig Jahren das Machtzentrum der Nazis; die Reichskanzlei und der Führerbunker. Und hier verkroch sich gegen Ende des Krieges der Adolf H. Da heiratete er noch gschwind seine Eva - und schoss sich dann ein Loch in den Kopf.

Gleich hinter der Barriere wurden damals die beiden Leiche in aller Eile verscharrt. Das Tausendjährige Reich war zu Ende - nach bloss elf Jahren. Und der Krieg auch. Das hat sich der GröFaZ bestimmt ganz anders vorgestellt.

13. November 2012

Berlin: Mut und Tränen

Die DDR-Grenzmauer dichtete Westberlin rundherum komplett ab. Beton, Stacheldraht und unzählige Grenzer sorgten dafür, dass keine Genossen „rübermachten“. Ein Grenzübertritt war nur an einigen wenigen Orten erlaubt. Der vielleicht wichtigste war beim Bahnhof Friedrichstrasse.

Um den Ansturm der Ein- und Ausreisewilligen besser zu bewältigen, baute man in den frühen sechziger Jahren eine moderne Grenzabfertigungshalle. Ein lichter Pavillon für ein übles Regime. Und weil hier viele Abschieds- und Freudentränen flossen, nannte man ihn schon bald "Tränenpalast".

Heute ist darin ein Museum untergebracht. Etwas kitschig vielleicht, aber ein Exponat hat mir ganz besonders gut gefallen. Eine Ansichtskarte, die ein Stefan Ullmann 1985 nach seiner Flucht seinen in der DDR zurückgebliebenen Angehörigen schickte.

An der Friedrichstrasse steht auch das neue Asisi Panorama „Die Mauer“. Das riesige Rundgemälde ist erst seit wenigen Wochen geöffnet und zeigt einen Blick über die Mauer nach Ostberlin.
Ein Aufseher maulte, wir dürften hier drinnen keine Fotos machen. Der Künstler wolle seine Bilder ja verkaufen! «Schöne Grüsse an den Künstler, das mache ich genau so» sagt Peter und knipst munter weiter.

12. November 2012

Berlin: Grilletta, du hast mich enttäuscht

Da stand es schwarz auf weiss: «Grilletta. Frikadelle aus Schweinefleisch im Brötchen mit Salatauflage und würziger Sosse». Grilletta - jawohl – so eine will ich haben. Ein langgehegter Wunsch geht in Erfüllung! Grilletta; die Ikone der Ost-Küche.

Ich täte jetzt lügen, würde ich behaupten, dass die Grilletta mich zu Jubelgeschrei, Begeisterungssprüngen oder den spontanen Wunsch nach Kinder zeugen, verführt hätte. Gut - vielleicht sind das ja auch etwas zu hohe Erwartungen an einen Fleischklops. Aber! Was mir da serviert wurde, war ein furzgewöhnliches Hacktätschli. Farbe und Konsistenz ähnelte den flachgefahrenen Kröten am Strassenrand. Eingeklemmt in ein bleiches Brötchen mit rötlicher Schmiere, dazu etwas Begleitgrün.
Grilletta, du hast mich enttäuschst. Das nächste mal futtere ich wohl wieder eine Wurst.

10. November 2012

Reisetipp: Spuckerei

Der Reisetipp am Samstag: Auf dem Bus- oder sonstigen Bahnhof achte ich immer drauf, nicht zu nahe den Wagen entlang gehen. Denn in vielen Ländern kauen die Männer Tabak, oder Betelnuss. Und spucken deshalb dauern aus dem Fenster.
Eine feuchte Schleimspur warnt einem vor - zum Glück.
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9. November 2012

Berlin: Erleichterung für alle Pisser

Es heisst „Waidmannslust“ und ist ein Pissoir. Es besteht komplett aus Gusseisen und hat sieben Stehplätze mit einer vollautomatische Spülung. Und die Berliner nennen es liebevoll „Café Achteck“.

Bevor es diese öffentlichen Piss-Häuschen gab, seichte jeder einfach ins Gebüsch. Oder an die Hausmauern. Dementsprechend stank es in den Gassen. Im Kampf gegen diese Wildpinkler wurde um 1880 das „Waidmannslust“ entwickelt und weit über hundertmal aufgebaut. Fortan konnten sich die Berliner stilvoll erleichtern. Die Männer - denn die Frauen mussten sich weiterhin ins Gebüsch kauern.
Heute sind bloss noch eine Handvoll der klassizistischen Pisshäuschen erhalten geblieben. Ich besuchte eines am Senefelderplatz. Grad kürzlich frisch renoviert und rund um die Uhr geöffnet. Hier lässt sich sehr geschmackvoll brünzlen.

8. November 2012

Berlin: das Gewissen aus Stein

Überall trifft man auf Mahnmale. Manche stehen ganz verborgen in einem Aussenquartier, wiederum andere sind mitten im Stadtzentrum. Raumgreifend und monumental, meist etwas aufdringlich.

Jede Opferkategorie bekam ein eigenes Mahnmal: Es gibt solche für Juden, Zigeuner, Schwule, Kommunisten, Behinderte, Kranke, Kriegsgefangene, Freiheitskämpfer, Parlamentarier, Kriegsdienstverweigerer und Deserteure.

Der Star unter den Mahnmalen ist das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“. Ein riesiges Feld voller grauer Betonelemente. Sinnfrei, scharfkantig und manche leicht geneigt. Ich schlendere zwischen den Klötzen herum und lasse mich ermahnen. Als ich zum Himmel hinauf schaue, bilden die Stelen ein Kreuz. Sonderbar?

Jetzt, wo ich das Mahnmal durchschritten habe, bin ich mir sicher - ich ermorde auch künftig keine Juden.